Zweiklassengesellschaft

Jahre wie 2016, in denen Olympische Spiele stattfinden, sind für Rad- und Bikesportler etwas Besonderes. Nirgends sind die Medaillenchancen der Schweizer Athleten grösser, nirgends wird der Kampf um die Quotenplätze erbitterter geführt.

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Martin Platter
Sport, 02.02.2016

Der Schweizer Radsport blickt auf ein ­ausserordentlich erfolgreiches Jahr 2015 zurück. Nino Schurters vierter WM-Goldmedaillengewinn im Crosscountry, der zweite Weltcup-Gesamtsieg der erst 22-jährigen Bikerin Jolanda Neff, die auch nationale Strassenmeisterin wurde, sowie der Einzelverfolgungswelt- und -europameistertitelgewinn auf der Bahn des gleichaltrigen Stefan Küng, der zudem eine Etappe der Tour de Romandie gewonnen hat und mit seinem BMC-Team Weltmeister im Mannschaftszeitfahren wurde, schüren die Vorfreude auf die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro.
Die drei Ausnahmetalente wurden früh entdeckt und gefördert. Was so einfach klingt, ist keineswegs selbstverständlich. Mit der zunehmenden Konkurrenz genügt heute Talent allein längst nicht mehr. Zunächst sind es meist die Eltern, die ihren Schützlingen das nötige Umfeld verschaffen, um sportlich weiterzukommen. Mit zunehmendem Alter, dann, wenn der Trainingsumfang steigt und weitere Hemmschuhe wie Pubertät und Ausbildung dazukommen, müssen auch die Athleten selber wollen und können.
Die Strukturen müssen dabei auf allen Stufen ineinandergreifen. In der Familie, im Verein, im Team, mit Rennserien und im Kader mit organisierter Leistungsförderung. Dafür sind in der Schweiz Veloclubs, private Rennveranstalter und Swiss Cycling respektive das Bundesamt für Sport zuständig. Es sind aber oft Einzelpersonen, die mit ausserordentlichem Engagement Überdurchschnittliches zustande bringen.

Geduld, Kalkül, Glück
Im Bahnsport ist das seit 2007 der frühere Strassen- und Bahnfahrer Dani Gisiger, der noch die Schweizer Bahn-Hochblüte mit dem Olympiasieg von Robert Dill-Bundi 1980 in Moskau als Aktiver miterlebt hat. Gisiger gilt als konsequent, eigenwillig und verfügt wohl über die wichtigsten Attribute in der Förderung junger Talente: Geduld, Kalkül und auch ein bisschen Glück.
Im wesentlich einfacher organisierten, da weniger infrastrukturabhängigen Bikesport sind Andi Seeli und später Thomas Frischknecht die Paten von Nino Schurters Erfolg; bei Jolanda Neff ist es ihr Vater Markus, früher selber aktiver Rennfahrer. Im Windschatten von Schurter, Neff und Küng ist ein äusserst kompetitives Leistungsklima entstanden, das weitere Fahrer an die Spitze befördert.
Besonders erstaunlich ist diese Entwicklung im Strassenradsport, der in den letzten Jahren im Nachwuchsbereich eine arge Zäsur erlebt hat. Bröckelnde Vereinsstrukturen und immer aufwendigere und kostspielige Bewilligungsverfahren haben dazu geführt, dass hierzulande nur noch etwa ein Dutzend Strassenrennen für Nachwuchs- und Elitefahrer durchgeführt werden. Die Anzahl nationaler Elite-Teams sank auf sechs.
Finanziell kommt aber auch der Bikesport unter die Räder. Seit dem Fall der Franken-Euro-Untergrenze vor einem Jahr finden sich kaum noch Sponsoren für Teams und Rennen. Das bekamen Mitte letzten Jahres die Organisatoren des Weltcup-Laufs in Lenzerheide zu spüren. Trotz tollen Wetters und grossen Zuschauerzuspruchs blieb aus Mangel an Geldgebern ein grosses Defizit, das die Region zu tragen hatte. Die erfolglose Sponsorensuche hat Organisator Andi Seeli sogar dazu bewogen, die Vermarktungsrechte am Swiss Bike Cup an Armin Meiers Human Sports Mangement (HSM) zu übertragen. HSM plant 2016 als Übergangsjahr und will ab 2017 eine Neupositionierung mit langfristigem Ausbau in den Breitensport. Bereits vor 13 Jahren hatte man ähnliche Pläne – mit mässigem Erfolg. Man darf deshalb gespannt sein, wie Meier die Sache angehen wird. Der frühere Radprofi hat sich zunächst bei IMG – unter anderem als Direktor der Tour de ­Suisse – und dann mit dem Aufbau der Sportvermarktungsfirma InfrontRingier einen Namen gemacht.

Tour de France in Bern
Vielleicht sind es gerade diese Beziehungen, die auch im Bikesport einen Lucky Punch ermöglichen. Der professionelle Strassenradsport generiert trotz seiner Skandale noch immer das meiste Medien- und Sponsoreninteresse. So kommt es, dass neben den beiden grossen nationalen Rundfahrten Tour de Romandie und Tour de Suisse im Juli sogar die Tour de France in Bern gastiert. Berns Stadtpräsident Alexander Tschäppät, BMC-Eigner Andy Rihs und dessen Verwaltungsratspräsident Thomas Binggeli machtens möglich. Das Trio hatte in der Vergangenheit bereits erfolgreich Tour-de-Suisse-Etappen und die Bike-EM in die Bundeshauptstadt geholt.

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