Zurück in die Siebzigerjahre

Der Oberbürgermeister der ungarischen Hauptstadt Budapest will Velofahren richtig ungemütlich machen. Deshalb ordnet er den Rückbau der Velo-Infrastruktur an.

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Bernhard Odehnal
18.05.2016

So viele Trams, so viele Busse, und dann noch die Trolleybusse! Istvan Tarlos, Oberbürgermeister von Budapest, mag den öffentlichen Verkehr nicht. Er findet, dass Trams bevorzugt und Autofahrer benachteiligt werden. Noch mehr zuwider sind dem Stadtpolitiker aber die Velo­fahrer. Tarlos hat deshalb Mitte April bei einer nichtöffentlichen Sitzung der Stadtregierung Anordnungen ausgegeben, die das Velofahren in Budapest deutlich erschweren sollen. Unter anderem soll die Öffnung von Einbahnstrassen für Velos in beide Richtungen wieder aufgehoben werden. Hauptstrassen sollen nicht mehr mit Velo-Piktogrammen gekennzeichnet werden. Das Velofahren auf Busspuren soll verboten werden.

Ungeschickte Veloplanung
Eigentlich hätten diese und weitere Massnahmen geheim bleiben und von der Stadtverwaltung einfach umgesetzt werden sollen. Die Anordnungen des Oberbürgermeisters wurden jedoch dem Club der ungarischen Velofahrer zugespielt, der sie auf seiner Facebook-Seite veröffentlichte. Von dort in die Schlagzeilen der Zeitungen und Internetportale war es ein kurzer Weg. Tarlos habe schon im vergangenen Dezember den Ausbau des öffentlichen Verkehrs und des Radwegnetzes für beendet erklärt, kommentiert der Veloclub die Anordnungen aus dem Budapester Rathaus: Nun wolle der Bürgermeister die Stadt «in die Siebzigerjahre zurückführen».
Budapest wäre eigentlich eine geradezu ideale Velostadt. Die meisten Bezirke liegen im flachen Gelände, die Haupt­strassen sind breit, die Distanzen nicht allzu gross. Und die Budapester würden gerne auf das Velo umsteigen. Die halbjährlichen Demonstrationen der Velogruppe «Critical mass» gehören zu den grössten in Europa. Vor etwa fünf Jahren begann die Stadtverwaltung tatsächlich, Radwege zu bauen. Allerdings ohne grosse Sachkenntnis und immer mit dem Ziel, die Behinderungen für den Autoverkehr so gering wie möglich zu halten. So entstanden immer neue Konfliktzonen: Velostreifen, die in verkehrsreiche Kreuzungen münden und sich dort einfach in Luft auflösen. Oder viel zu schmale Radwege, die auf stark frequentierten Trottoirs aufgemalt sind. Manchmal provoziert die Anlage der Velowege geradezu lebensbedrohliche Situationen.
Auf dem Karls-Ring beim zentralen Deak-Platz zum Beispiel führt der Velostreifen auf der Fahrbahn dicht links an einer Bushaltestelle vorbei. Wenn die langen Gelenkbusse die Haltestelle verlassen, sind die Velofahrer genau in ihrem toten Winkel. Ein anderer Wahnsinn musste bald nach seiner Errichtung wieder aufwendig geändert werden. Auf dem prachtvollen Andrassy-Boulevard führte ein schmaler Veloweg rechts an der Parkspur vorbei, die Velofahrer waren so gleichsam zum Abschuss durch aufgehende Autotüren freigegeben. Das war so offensichtlich eine Fehlplanung, dass der Veloweg wieder aufgelassen und durch einen Velostreifen auf der Fahrbahn ersetzt wurde. Wahrscheinlich intervenierte die Europäische Union, die ja die meisten Velowege finanziert.  
Apropos EU: Brüssel gab auch viel Geld für die Renovierung der historischen Margitbrücke über die Donau und verlangte dafür den Bau breiter Velostreifen auf der Fahrbahn. Tatsächlich wurde ein schmaler Veloweg auf dem Gehsteig markiert, mit viel zu wenig Platz für die vielen Fussgänger und Velofahrer, die an schönen Tagen auf die Margitinsel strömen. Für diese Fehlplanungen waren allerdings Tarlos’ Vorgänger verantwortlich.

Dennoch: das Velo boomt
Die Budapester lassen sich trotzdem nicht aufhalten. Laut einer Zählung aus dem vergangenen Jahr fahren in Budapest mehr Menschen an den Arbeitstagen als an den Wochenenden mit dem Velo. Hinzu kommen die vor allem bei Touristen beliebten Leihvelos, die in Budapest «Bubis» genannt werden. In den vergangenen Jahren wurden die 1000 Leihvelos 650 000-mal ausgeliehen, sodass der Verkehrsverbund das Angebot erweitern will.
Angesichts solcher Zahlen und auch der lauten Proteste gegen seine Anordnungen schien es Istvan Tarlos doch ratsam, Velofahrer nicht in Bausch und Bogen zu verdammen. Sondern sie in Gut und Böse zu teilen. Er sei nicht gegen eine vernünftige Entwicklung des Fahrradfahrens, liess der Oberbürgermeister mitteilen: Sehr wohl aber gegen «den hemmungslosen Terror einer radikalen Minderheit unter den Radfahrern». Seine Anordnungen hat er nicht zurückgenommen.


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