Zum E-Bike bekehrt

Elektrobikes hielt Jacques Bleuer für Rentnerzeugs – bis er seine Freundin Rachel kennenlernte, die ihm stets davonfuhr. Heute pendelt er ganzjährig mit seinem Speedped zur Arbeit. Und für die bevorstehenden Sommerferien hat er einen Velo-Wohnanhänger gebaut.

no-image

Esther Banz
Kultur, 14.07.2014

Aluminiumgrau steht er da, halb nach Sarg, halb nach Gewächshaus ausschauend – der Anhänger. Jacques Bleuer öffnet den Deckel des länglichen Gefährts, an dem er seit einem guten Jahr arbeitet. Im Innern liegt ein Holzlattenrost, und darunter gibt es Raum, um allerhand Dinge zu verstauen. Der Anhänger ist noch namenlos, aber schon bald wird er zum temporären Zuhause für den Erschaffer und dessen Freundin Rachel Kohlbrenner: Die beiden haben vor, im August mit ihm und ihren Speedped-
Rädern via Frankreich und Korsika bis nach Sardinien zu fahren. Und Ende Monat ebenfalls radelnd wieder zurück nach Utzenstorf  (BE).
«Rachel macht noch einen Matratzenbezug, verschönert die Innenwand und näht eine Blache», berichtet der gelernte Polymechaniker, der beim Besichtigungstermin noch in einem Altersheim arbeitet. Danach gehts los. Eigentlich wollten sie via Italien radeln, aber da wäre ihr Velo-Wohnmobil nicht zugelassen gewesen, wegen seiner Masse – Jacques hat sich an den Zulassungsbestimmungen für die Schweiz orientiert und erstaunt realisiert, dass diese grosszügiger sind als im südlichen Nachbarland. Ein Meter ist der Anhänger breit, 2,5 Meter lang und 120 Zentimeter hoch. Kürzlich habe eine Frau den Anhänger ganz interessiert studiert und dann gefragt: «Wo kann man den am Auto anmachen?»

Liebe und Technik
Jacques Bleuer und Rachel Kohlbrenner sitzen an einem Gartentischchen vor dem idyllischen Bauernhaus, das die 21-Jährige noch nicht lange bewohnt. Sie schliesst gerade die Innendekorations- Lehre mit Schwerpunkt Polstern ab und ist parallel bereits daran, ein eigenes Polsteratelier einzurichten.
Die Geschichte ist eigentlich eine Liebesgeschichte – von Jacques und Rachel, aber auch eine von Jacques und dem Elektrobike. Es ist aber auch eine Familiengeschichte. Denn Rachels Vater ist Philippe Kohlbrenner, bekannt als Erfinder des ersten (Schweizer) Elektrovelos, dem Flyer. Nachdem er sich länger aus der Veloproduktion verabschiedet hat, ist er seit drei Jahren wieder aktiv, mit einem neuen E-Bike, das er eigenhändig baut, von den Extras am Rahmen über den Motor bis zur Batterie: das Speedped. Es überzeugte im Vergleichstest, den Velojournal 2012 mit dem VCS durchführte, und belegte den zweiten Platz. Begeistert erzählt Bleuer von den Vorzügen seines Speedpeds mit der Rahmennummer 313: «Hier geht nur die Kraft des Tretens über die Kette – jene des Motors wird separat über einen Zahnriemen übertragen. Der Motor kommt ohne störungsanfällige Sensorik aus. Das sind grosse Vorteile, und man kann mit einmal Aufladen gut 200 Kilometer fahren.»
Nach den Sommerferien wird Jacques Bleuer selber für die Swiss-Urbanbikes GmbH arbeiten. Philippe Kohlbrenner kann weitere Unterstützung gut gebrauchen, denn seine Elektrovelos erfreuen sich wachsender Beliebtheit, auch wenn sie nicht ganz günstig sind. Bleuer, der seit einem Jahr Tag für Tag mit dem Speedped zur Arbeit und zurück fährt, kennt das E-Bike bereits in- und auswendig: «Ich habe das Velo in dieser kurzen Zeit extrem geplagt, 15 000 Kilometer haben wir zurückgelegt. Entsprechend sieht es auch aus.»
Dabei war er überhaupt kein E-Bike-Fan. Als er Rachel kennenlernte, fragte er sich, weshalb sie als junge Frau so ein «Rentner»-Rad fahre – bis er erfuhr, dass sie in einem Weiler auf 800 Meter über Meer wohnte. Irgendwann probierte er es selber aus und war sofort angefixt. «Ich durfte das Velo drei Tage ausleihen. Ich habe Bekannte und meine Grossmutter besucht, und das alles ohne jegliche Anstrengung. Das ist Mobilität, wie sie sein sollte!» Er tendiere ja eher zur Faulheit, aber jetzt lege er jeden Weg mit dem Velo zurück. Und was die Kosten angeht, so hat er ausgerechnet, dass ihn sein Speedped nicht mehr kostet als zwei Jahre SBB-GA. «Das Velo hat erst noch den entscheidenden Vorteil, dass ich stets einen Sitzplatz habe.»

Empfohlene Artikel

Empfohlene Artikel

Spezial , Kultur

Neues aus der Parallelwelt

Spezial , Kultur

Literarischer Wallfahrtsort für Aficionados

Kultur

Auf der Suche nach der reinen Form