Wo, wo Veloweg?

Wer die hochgelobte Veloinfrastruktur nutzt, kommt schnell einmal an Grenzen. Nicole Soland fragt nach dem Warum.

Nicole Soland, Autorin
Blog, 21.11.2013

Nach Rom führen bekanntlich viele Wege. Ins Säuliamt auch: Die regionale Veloroute 84 ab Zürich ist gut fürs beschauliche Über-Land-Schaukeln; nur bei Regen wirds schlammig. Die Direttissima über die Waldegg, runter nach Landikon und gleich wieder steil rauf nach Wettswil, ist erste Wahl, wenn man rasch von A nach B will. Doch auf der Karte ist im Grenzgebiet der Kantone Zürich und Aargau noch eine weitere Route eingezeichnet: Nix wie los!

Ausgangs Birmensdorf kommen mir ein erstes Mal Bedenken: Da ist hauptsächlich die Einfahrt auf die Autobahn A4 beschildert. Im letzten Moment entdecke ich doch noch ein diskretes Velowegweiserchen – nach rechts, wie die Autos hinter mir, die alle auf die Autobahn wollen. Nanu? Ein paar Meter weiter dann ein seltsamer T-Kreuzungs-Kreisel; rechts gehts Richtung Autobahn, links nach Aesch, Velowegweiser hats keinen.

Also gut, nach links: Ich finde mich auf einem Pass­strässchen wieder, schmal, null Platz am rechten Strassenrand und Autos, die es offensichtlich pressant haben. Veloweg? Na ja … Immer schön auf dieser Strasse bleibend, gehts durchs Dorf Aesch hindurch nach Arni, wo ich nach links in Richtung Hedingen abbiege. Auch diese schmale Strasse sieht eher nach Schleichweg für eilige AutofahrerInnen aus. Velowegweiser? Fehlanzeige.

Kurz nach diesem eher ernüchternden Erlebnis lese ich in der NZZ unter dem Titel «Fahrradlobby startet zur Tour de Suisse», dass tatsächlich alles gut ist – bloss ich bin offenbar falsch gewickelt: Die Velo-Förderungspolitik der letzten Jahre habe «eher» nichts gebracht, steht da. Die Verkehrsleistung des Fahrrades gehe nämlich leicht zurück; statt 900 Meter wie im Jahr 2000 hätten die SchweizerInnen im Jahr 2010 nur noch 800 Meter pro Tag im Fahrradsattel zurückgelegt.

Verglichen mit Städten wie Amsterdam oder Kopenhagen seien wir weit abgeschlagen. Pwoah, das sind News! Da wäre ich nie drauf gekommen … Unbeirrt fährt die NZZ fort: Mit der Volksinitiative, für die Pro Velo Schweiz im kommenden Frühling Unterschriften zu sammeln beginne, solle der Bund nun offenbar «Handlungsspielraum bei der Mitfinanzierung der Fahrradinfrastruktur» bekommen.

Was genau will mir die NZZ wohl sagen? Dass die Velolobby nicht wahrhaben will, dass es gar keine Veloinfrastruktur braucht – und sich unbelehrbar nach neuen Finanztöpfen umsieht? Vielleicht möchte die NZZ mir aber auch einfach sagen, wir sollten das Geld besser für Autostrassen verwenden, denn die sind immer ausgelastet. Wir haben ja keine ständig überschrittenen Lärm­grenz­werte und keine externen Kosten der Luftverschmutzung von rund 800 Millionen Franken pro Jahr allein im Kanton Zürich.

Die wichtigste Quelle dieser Schadstoffe ist übrigens der Strassenverkehr. Aber weil wir eh nicht an Kopenhagen und Amsterdam herankommen, stellen wir den Göppel lieber heute als morgen in die Ecke. So etwas nennt man – glaubs – «verantwortungsvolle bürgerliche Politik». Und dagegen hilft nur eins: Das Velo aus dem Keller nehmen, und zwar jeden Tag. Wenn dann noch der Aargau das Velowegbauen entdeckt, mache ich glatt ein Kreuz an die Decke!

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