«Bää, wir haben Gegenwind» oder «Juhui, wir sind endlich unterwegs Richtung Meer»? Da ist die Antwort einfach: Meer! Oder doch lieber Gegenwind? Die Anreise zur Tour entlang des Ems-Radwegs im IC der Deutschen Bahn bedeutet, sich durch schmale Türen und über drei Treppentritte hoch ins knapp bemessene Veloabteil zu zwängen. Aber sowohl auf der Hinfahrt nach Dortmund als auch auf der Rückfahrt ab Wilhelmshaven waren lauter nette VelofahrerInnen unterwegs. Man half sich ganz selbstverständlich treppauf, treppab und beim Einfädeln der Velos in den Ständer. Stress? Was ist das?
Mühsam war es nur für ein Grüppchen älterer Herren: Sie fanden, es sei doch viel bequemer, die Velos gleich mit angehängten Vorderradtaschen zu parkieren. Das Abteil füllte sich rasch, und die Radlerin, die den letzten freien Platz reserviert hatte – die inexistente Lücke zwischen zwei Velos mit Taschen –, musste ihr Velo im Durchgang stehen lassen. Dann kam die Schaffnerin. Sie fackelte nicht lange, machte die Schuldigen ausfindig und zitierte sie her, die Taschen abzunehmen. Die Herren schimpften. Wir schmunzelten. Jedem die Reise, die er verdient.
Zurück im Alltag: Filippo Leutenegger, der Tiefbauvorsteher der grössten Schweizer Stadt, pflegt an seinen Medienkonferenzen zu Velothemen zu betonen, das Glas sei halb voll, nicht halb leer. Wenn VelofahrerInnen ihm Beispiele für Passsagen bringen, die immer noch ohne Velostreifen daherkommen oder wo die Verkehrsführung nach wie vor höchst unlogisch oder gar gefährlich ist, dann bekommen sie zu hören, es habe sich doch schon sehr gebessert. Es gehe halt nicht alles aufs Mal. Das Glas sei halb voll. Punkt! Und so «erfreuen» wir uns weiterhin am einzigartigen Randsteinraufundrunter entlang der Pfingstweidstrasse. Oder am neu gestalteten Münsterhof, wo die Veloroute nun mitten durch die Aussenwirtschaft des Restaurants Münsterhof führt.
Halb voll? Halb leer? In einer Stadt, in der Veloinitiativen und Kredite für Velomassnahmen an der Urne problemlos durchkommen, in der uns der zuständige Stadtrat aber gleichzeitig ermahnt, man solle nicht immer mehr fordern, sondern auch mal zufrieden sein, macht das Bild vom halb vollen Glas wenig Freude. Und dennoch: Leben ist wie Velofahren – wer die Beine nicht bewegt, fällt auf die Schnauze, soll Albert Einstein sinngemäss gesagt haben. Wer sich weigert, das Brett vor dem Kopf wegzunehmen, auf dem steht: «Ich habe hier einen Veloweg zugut!», dem geht es wie den Herren mit den Vorderradtaschen.
Da bin ich doch lieber bei jenen, die friedlich und rücksichtsvoll mit dem Velo unterwegs sind – und quasi im Vorbeiradeln die Macht des Faktischen nutzen. Denn wenn so viele Menschen täglich das Velo nehmen, dass die Autofahrer, die Politikerinnen und die Trämler sie beim besten Willen nicht mehr übersehen können, dann gibt es irgendwann automatisch genug Platz fürs Velo. Dafür müssen sich aber richtig viele aufs Rad schwingen. Besser alle. Auch im Winter. Wir radeln das!
Nicole Soland
15.11.2016







