Der Autoverkehr wird an jeder zweiten Ecke gezählt, und wo es stockt und staut, dauert es nicht lang, bis die Strassenbaumaschinen auffahren. Auch die Töffstatistik wird monatlich nachgeführt, obwohl mit Motorrädern keine zwei Prozent aller Fahrten zurückgelegt werden. Doch wie viele Velos wo unterwegs sind, weiss niemand. Zwar gibt es auf den touristischen Routen von Veloland Schweiz einige Zählstationen, doch dort, wo Veloförderung teurer ist – in den Städten –, hat man praktisch keine Zahlen. Rund zehn Jahre hat es gedauert, bis das Stadtzürcher Tiefbauamt jetzt der Forderung von Pro Velo nachkommt, an neuralgischen Stellen Induktionsschlaufen in den Boden zu verlegen, damit die darüber fahrenden Velos gezählt werden (siehe Kasten).
Doch was nützen uns eigentlich solche Zahlen? Pro-Velo-Geschäftsleiter Christoph Merkli würde sie zum Beispiel begrüssen, um die ins Gerede gekommenen Unfallzahlen ins rechte Licht zu rücken. Würde man nämlich wissen, ob der Veloverkehr gleich stark zugenommen hat wie die Unfallzahlen, liesse sich manche Polemik über undisziplinierte Zweiradfahrer entkräften.
Bezahlt wird nur, was gezählt ist
Auch für die Gelderverteilung im Rahmen der Agglomerationsprogramme sei eine Velostatistik durchaus interessant, so Merkli. Zum ersten Mal stellt der Bund hier explizit Mittel zur Förderung des Langsamverkehrs zur Verfügung. Bern aber zahlt nur aufgrund von klaren Grundlagen – und dazu gehören auch Zahlen. Allerdings stehe man hier erst am Anfang, erklärt Heidi Meyer vom Bundesamt für Strassen (Astra). Man kenne zwar die grossen regionalen Unterschiede in der Velonutzung, doch die Frage, ob dies mit der vorhandenen Infrastruktur zu tun habe, sollen weitere Angaben klären. Erst wenn auch Daten über Velonetze und Abstellplätze in den verschiedenen Agglomerationen vorliegen, könne man Vergleiche anstellen.
An einer Tagung über Datengrundlagen des Langsamverkehrs, die Fussverkehr Schweiz und die Hochschule Rapperswil organisiert hatten, meinte Götz Timcke von Verkehr und Mobilität des Kantons Aargau dazu: «Nur was bezahlt wird, wird gezählt – und nur was gezählt wird, macht sich auch politisch bezahlt.»
Der Interpretationsspielraum ist gross
Die Statistik zum Veloverkehr steht heute auf ziemlich wackligen Füssen. Anhand der Verkäufe der Velovignetten kann man zwar abschätzen, wie viele Zweiräder unterwegs sind, doch der Vignette wird nächstes Jahr ihr letztes Stündchen schlagen: Sie wird bekanntlich abgeschafft. Kommt dazu, dass man bis anhin zwar die Zahl der eingelösten Velos kennt, doch wie viel und wo damit gefahren wird, erhebt der Mikrozensus nur alle fünf Jahre. Anhand von Stichproben wird daraus der Modalsplit hochgerechnet – der Anteil der Fahrten mit Autos, Velos und öffentlichem Verkehr.
Die Grundlagen des Mikrozensus lassen aber viel Interpretationsspielraum offen. So hat Marco Hüttenmoser vom Netzwerk Kind und Verkehr im August eine Studie korrigiert, die behauptet, dass immer mehr Kinder von den Eltern zur Schule gefahren würden. Die Autorinnen der Studie hätten die Mikrozensus-Zahlen falsch interpretiert und kämen auf doppelt so viele «Elterntaxi»-Fahrten, wie es tatsächlich gebe, so Hüttenmoser.
Beim Astra kennt man das Statistikproblem. Der Mikrozensus 2010 wird deshalb mit einer grösseren Stichprobe durchgeführt, die genauere Angaben zur Velonutzung liefert. Andere offene Fragen soll die Datenplattform Mistra beantworten helfen, die zurzeit aufgebaut wird. Hier können die Kantone ihre Velonetzdaten eingeben und koordinieren. Auszüge aus diesem Datenmaterial sollen laut Astra dereinst auch interessierten Kreisen zur Verfügung stehen.
Zuerst Infrastruktur bauen, dann zählen
Experten fragen sich allerdings, was die ganze Zählung und Statistik überhaupt soll. Sie verweisen darauf, dass die Benutzungszahlen immer dann steigen, wenn eine Veloinfrastruktur angeboten oder verbessert wird. Der Wiener Verkehrsingenieur Prof. Hermann Knoflacher meinte deshalb sinngemäss, man solle den Bedarf nach einer Velobrücke nicht an der Anzahl jener Leute messen, die im Winter durch diesen Fluss schwimmen.
Auf fünf Prozent genau
In der Stadt Zürich werden im Rahmen des Programms «Velo 12», das den Veloanteil im Stadtverkehr von heute 7 auf 12 Prozent erhöhen will, Zählstationen eingerichtet. Entschieden hat man sich für Induktionsschlaufen im Strassenbelag, die allerdings nur jene Velos zählen, die mit Metallfelgen ausgerüstet sind. Karbonflitzer werden nicht gezählt, Aluvelos hingegen schon. Auch wenn Velos im Pulk über die Schlaufe fahren, ist das System überfordert. Die Zählungen haben deshalb eine Ungenauigkeit von fünf Prozent.







