«Mehr Velokultur» forderte kürzlich der Präsident der Grünen der Stadt Zürich, Christoph Hug, in der linken Zürcher Wochenzeitung «P.S.». Als einer, der täglich und ganzjährig Velo fahre, ärgerten ihn die Trottoirfahrer, die Rotlicht-Überfahrerinnen, die Ohne-Handzeichen-Abbiegenden, schrieb er. Als eine, die ebenfalls täglich und ganzjährig mit dem Velo unterwegs ist und die dabei auf der Strasse fährt, bei Rot hält und beim Abbiegen den Pfoten rausstreckt, kann ich ihm nur beipflichten.
Trotzdem hoffe ich, dass sich die VelofahrerInnen nicht auch noch in zwei Lager spalten, die einander unversöhnlich gegenüberstehen. Lieber erinnern wir uns daran, dass einst wir «die Norm» waren und nicht die Autos: Das Velo war ein ganz normales Verkehrsmittel, um zur Arbeit oder zur Schule zu fahren, das Auto hingegen die Ausnahme, das Gefährt der (wenigen) Reichen. Das änderte sich erst, als Autos erschwinglich und gleichzeitig zum Statussymbol wurden – doch dann änderte es sich rasch. Und gründlich.
Ich kann mich gut erinnern, wie selten ich in den 80er-Jahren in Zürich anderen Velos begegnete, wenn ich nicht gerade in der Rushhour unterwegs war. Und daran, dass ich mich damals aus reinem Selbsterhaltungstrieb an die Verkehrsregeln hielt, denn die AutofahrerInnen rechneten überhaupt nicht mit VelofahrerInnen – und wenn sie sie doch mal rechtzeitig entdeckten, dann wäre es ihnen nie in den Sinn gekommen, ihnen eine Lücke offenzulassen.
Heute jedoch sind in Basel, Bern, Winterthur, Zürich und anderswo so viele Velos unterwegs, dass die AutofahrerInnen sie nicht mehr übersehen können. Als Norm, von der die VerkehrsplanerInnen ausgehen, gilt trotzdem nach wie vor das Auto. Bevor sie diesem etwas vom kostbaren Strassenraum wegnehmen, verbannen sie die Velofahrerinnen auch heute noch lieber aufs Trottoir. Die Folgen sind bekannt: Velofahrer, die diese Geringschätzung als Zumutung empfinden und sich deshalb an gar keine Regeln mehr halten, werden von Autofahrerinnen und Fussgängern als Rowdys geächtet, und sie können – siehe oben – anderen Velofahrerinnen ganz schön auf den Geist gehen.
$Ein Fall für die Politik? Natürlich. Doch die PolitikerInnen sind auch nur Menschen, die wiedergewählt werden wollen. Also sagen sie den VelofahrerInnen nicht geradeaus: «Es wäre am einfachsten, wenn die Strassen den Motorisierten exklusiv zur Verfügung stünden.» Stattdessen heisst es: «Wir würden euch ja gern Platz machen, aber es ist halt nicht so einfach …» Womit wir bei der Gretchenfrage wären: Bringt es etwas, wenn wir uns schon mal so benehmen, als wären wir gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer, und deshalb unseren Raum einfordern? Oder müssen wir den umgekehrten Weg wählen und so blöd tun, bis es für alle zu gefährlich wird und man uns deshalb separate Velospuren baut? Mir wäre die erste Variante lieber. Nicht zuletzt, weil wir damit schon richtig eingespurt wären, wenn das Velo dereinst wieder zur Norm wird.







