Wer heute in der Schweiz im Alltag Velo fährt, macht Politik – und keiner merkts. Das ist ärgerlich in einer Zeit, in der eine zweite Röhre für den – einspurigen! – Autoverkehr durch den Gotthard unter «ernst gemeinte Vorschläge» läuft. Einer Zeit, in der die Autolobby eine «Milchkuh-Initiative» lanciert, die das «Verursacherprinzip» durchsetzen will: Gebühren und Steuern der Strassenbenützer sollen nur noch für neue Strassen verwendet werden. Wie das Verursacherprinzip beim Lärmschutz oder der durch die Luftverschmutzung verursachten Schäden an Lungen und Gebäuden, Unfallkosten etc. künftig gehandhabt werden soll, bleibt dabei offen.
Angesichts solcher Diskussionen juckt es einen, mal kurz darauf hinzuweisen, dass die bestehenden Strassen fürs Velo längstens reichten. Doch das ergibt erst Sinn, wenn das Velo endlich in der öffentlichen Wahrnehmung als Verkehrsmittel für den Alltag angekommen ist. Bis jetzt kommt das Velo ja höchstens vor, wenn wieder mal ein Politiker oder eine Fachfrau einer Stadtverwaltung bedauernd feststellt, für Velowege habe es «leider nicht auch noch Platz». Wer sich diesen angeblich nichtexistenten Platz Tag für Tag nimmt, hat deshalb auch etwas Mühe, den Velobeauftragten zu glauben, die munter bessere Zeiten für AlltagsvelofahrerInnen versprechen: Als ob ihnen nicht klar wäre, dass sie selbst bei 200-prozentigem Einsatz stets nur ein kleines Schräubchen in einer grossen Verwaltung sind und politisch nichts zu melden haben.
Dabei ist Politik gar nicht so schwer – sofern man es wagt, dorthin zu gehen, wo die GegnerInnen hocken. Zum Beispiel so: Um den Leuten das Tram beliebt zu machen, schildert ein uralter Kurzfilm der Verkehrsbetriebe der Stadt Zürich einen Tag im Leben von zwei Arbeitern. Der eher feste, gemütliche Herr mit Hut und Zigarre nimmt über Mittag das Tram nach Hause, macht nach dem Essen ein Nickerchen und fährt entspannt mit dem Tram zurück an die Arbeit. Der hagere Herr mit dem Beret radelt auf dem Weg nach Hause über einen Nagel; nach dem Mittagessen muss er rasch das Velo flicken und dann sofort wieder loshetzen. Die Botschaft ist klar: Selber schuld, wer nicht das Tram nimmt.
Selber schuld, wer nicht das Velo nimmt!, müsste man heutzutage meinen. Aber leider wird das Velo so «gefördert»: Man lässt ihm keinen Platz auf der Strasse und stellt ihm viel zu wenig Abstellplätze zur Verfügung, und um die Veräppelung auf die Spitze zu treiben, wirbt man gleichzeitig unter dem Titel «Gesundheitsförderung» fürs Velo als Schlankheitsmittel. Da hilft nur eins: Kino im Kopf, obligatorisch für alle Verantwortlichen in Politik und Verwaltung.
Folge 1: Fröhliche Menschen auf bunten Velos fahren an stehenden Kolonnen vorbei durch die Stadt, haben Zeit fürs Mittagsschläfchen, radeln entspannt zurück und arbeiten frisch drauflos – während ihre KollegInnen entnervt im Stau stehen, mit Verspätung am Arbeitsplatz eintreffen und sich erst vom ganzen Stress erholen müssen, bevor sie mit der Arbeit beginnen können. Ach, ich freue mich schon auf den Film.







