Wein oder ein kühles Bad im Meer?

Die Tour de France kennt viele Episoden, wo mancher Missgriff bei der Flüssigkeitsaufnahme über Sieg oder Niederlage entschied. Zu jeder Rennfahrergeneration gab es dazu ein anderes Regelwerk – nicht immer nach dem Geschmack der Akteure.

Bruno Angeli, Autor (info@bruno-angeli.ch)
Sport, 19.05.2010

Wir schreiben das Jahr 1907, die Tour de France ist noch jung. Da entscheidet sich ein Adliger, als Zeitvertreib das Abenteuer unter die Räder zu nehmen. Der verwöhnte Aristokrat will dabei auf einen gewissen Komfort nicht verzichten. Also engagiert er drei Mitfahrer, die ihn während des Rennens mit Getränken versorgen und ihm bei Anstiegen Schubhilfe geben. Der Begriff Wasserträger ist geboren.

Um den Durst zu bekämpfen, trinken die Rennfahrer zunächst aus Glasflaschen. Diese werden aber oft zweckentfremdet. Denn sie eignen sich bestens, um Gegner ausser Gefecht zu setzen. Die Flasche wird dabei kurzerhand zum Wurfgeschoss umfunktioniert und dem Kontrahenten vor das Velo geschmissen. Die Glasscherben setzen den Pneus der Opfer arg zu, ihnen bleibt schlicht die Luft weg. Als sich diese Vorgänge häufen, sorgen die Tour-Funktionäre dafür, dass Glasflaschen verboten und durch Aluflaschen ersetzt werden.

Vier Jahre später: Der durstige Rennfahrer Paul Duboc nimmt dankbar eine Flasche eines Zuschauers entgegen und trinkt sie leer. Auf dem Aubisque erleidet er einen Kollaps – das Getränk war vergiftet. Da das Reglement jegliche fremde Hilfe untersagt, schleppt sich Duboc alleine zurück zu seinem Rennvelo. Irgendwie schaffte er es unter höllischen Schmerzen, wieder aufzusteigen und weiterzufahren. Die offizielle Tour-Zeitung, die damals «L’Auto» hiess, fürchtete um den guten Ruf der Tour und schrieb über diesen Vorfall, Duboc habe unter einer «leichten Magenverstimmung» gelitten.

Selbstbedienungs-Mentalität

Über eine «leichte Magenverstimmung» klagt in jener Zeit auch mancher Rennfahrer, nachdem er sich ein Bier, einen Schnaps oder was gerade so auf dem Tisch der Gartenwirtschaft stand, geschnappt und kurzerhand hinter die Binde gekippt hatte. Ganz dieser Tradition verpflichtet, «borgt» sich auch der Rennfahrer Abdelkader Zaaf 1950 zwei Flaschen Weisswein. Der Schluckspecht muss nach dem Konsum der Flüssigkeit ein kleines Päuschen einlegen – und schläft. Zwar steigt er nach dem Aufwachen, so schnell es die Umstände erlauben, wieder auf sein Velo und fährt tapfer weiter – allerdings in die falsche Richtung.

Wenn der Sommer noch heisser wird, die Luft flimmert und der Asphalt aufweicht, dann kann der Gedanke an ein erfrischendes Bad im nahe gelegenen Meer oder See schon mal aufkommen. Was bei Hobbyfahrern zu einer schönen Radtour gehört, ist im Zeitalter des bis ins letzte Detail durchreglementierten Spitzensports schwer umsetzbar. Die radelnden Millionäre wie Armstrong oder Contador dürfen und können sich eine solche spontane Auszeit nicht leisten.

Anders noch vor sechzig Jahren. Im Jahr als Ferdi Kübler die Grand Boucle gewinnt, gönnt sich das halbe Teilnehmerfeld am Golf von St. Tropez eine Abkühlung. Dies unter Beobachtung der Presse, was den damaligen Tour-Direktor Jacques Godet besonders in Rage bringt.

Strenges Regime

In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg sind die Ressourcen knapp. Mit allen Gütern muss sparsam umgegangen werden. Dies gilt auch für die Trinkflaschen aus Aluminium mit Korkverschluss. An der Tour werden vor dem Start jedem Fahrer zwei Trinkflaschen ausgehändigt. Nach Ende des Rennens müssen diese wieder zurückgegeben werden. Fehlt eine, genügt die Bezahlung nicht. Dem Fehlbaren wird auch noch eine Busse aufgebrummt. Von Zuschauern dürfen zwar Getränke entgegengenommen werden, nicht aber vom eigenen Teamleiter. Geschieht dies, droht ebenfalls eine Geldstrafe. In dieser Zeit sieht das Reglement der Tour auch vor, dass die Teamleiter keine Trinkflaschen auffüllen dürfen. Wollen die Athleten ausserhalb der offiziellen Verpflegungszone Trinksame fassen, bedienen sie sich an vorher abgestellten Eimern, die am Strassenrand abgestellt werden. Ein Job für die Wasserträger; sie füllen die eigenen Flaschen und die ihrer Kapitäne auf und pedalen zurück ins Fahrerfeld.

Kurze Geschichte der Trinkempfehlungen

Im Verlauf der Geschichte haben sich die Empfehlungen zur richtigen Flüssigkeitsaufnahme im Sport immer wieder geändert. Dabei ging es von einem Extrem ins andere: Von «Trinke so wenig wie möglich» in den Sechzigerjahren zu «Trinke so viel wie möglich» dreissig Jahre später.
Erste wissenschaftliche Studien zum Thema Trinken wurden bereits um 1930 gemacht. Bei Arbeitern etwa, die beim Bau des Hoover-Damms in Nevada im Einsatz standen, mass man den Flüssigkeitsverlust. Auch das Militär forschte. Während des Zweiten Weltkriegs wurde festgestellt, dass die Leistungsfähigkeit von Soldaten mit zunehmender Dehydratation (Austrocknung) abnahm. Diese Resultate fanden bei den Sportverantwortlichen allerdings kein Gehör. Erst die Studien an Marathonläufern aus den Sechziger- und Siebzigerjahren wurden im Sport wahrgenommen. Südafrikanische Forscher schrieben 1969 in ihrem Report über einen Marathon: «Die aktuelle Praxis von Marathonläufern, nur wenig zu trinken, wird als schädlich eingeschätzt.» Damit war die Diskussion lanciert. Im Zentrum der Betrachtung späterer Forschungsarbeiten stand aber die Verknüpfung von Dehydratation und Hitzeerkrankungen – und nicht etwa der Einfluss auf die Leistungsfähigkeit.

Der leistungssteigernde Effekt durch die Kombination von Flüssigkeit und Kohlenhydraten in Form einer Zuckerlösung – ähnlich unseren heutigen Sportgetränken – wurde erst Ende der Achtzigerjahre richtig erkannt.
Der Befund: Wenn getrunken wird, verbessert sich die Leistung. Wenn nicht getrunken wird, gibt es keine Verbesserung der Leistung. Wie viel Flüssigkeit dabei genau aufgenommen werden soll, ist die zentrale Frage einer Diskussion, die bis heute andauert. Empfehlungen werden aber weiterhin abgegeben. Derzeit heisst es beim American College of Sports Medicine (ACSM), man solle während sportlicher Aktivität zwischen vier bis acht Deziliter Flüssigkeit pro Stunde zu sich nehmen. {{div-ende}}

Quelle: Swiss Forum for Sport Nutrition,
www.sfsn.ch

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