Von Touristen und Mountainbikes

Der Tourismus spielt im Kanton Graubünden eine zentrale Rolle. Im Winter wird Ski gefahren, im Sommer sind die Biker in den Bergen unterwegs. Pro Velo ist bestrebt, das Fahrrad aber auch als Fortbewegungsmittel im Alltag zu verankern.

Fabian Baumann, Redaktor (fabian.baumann@velojournal.ch)
26.03.2013

Im flächenmässig grössten Schweizer Kanton steht der Begriff Velo meist für das Freizeit- oder Sportgerät Mountainbike. Als Fortbewegungsmittel im Alltag kommen Velos seltener zum Einsatz, denn die Topografie der meisten Gegenden setzt hier Grenzen. Doch Pro Velo Graubünden ist schon seit 1979 daran, dem Zweirad einen höheren Stellenwert zu verschaffen. Ein geografischer Schwerpunkt der Verbandsaktivitäten liegt in der Agglomeration Chur. Etwa achtzig Prozent der Vereinsmitglieder wohnen zwischen Rhäzüns und Malans, wo es auch die meisten Pendlerinnen und Pendler gibt. Die Velostation in Chur, für welche die Stadt mit dem «Prix Velo Infrastruktur» geehrt wurde, ist deshalb gut ausgelastet.

Der Preis hat laut Edi Rölli, Geschäftsführer von Pro Velo, einiges bewirkt. Durch die Wertschätzung sei die Motivation bei Behörden und Ämtern gestiegen, sich mit Fahrradthemen zu befassen. «Chur ist auf dem Weg zur Velostadt», sagt Rölli. Bei der letzten Velostädte-Umfrage lag die Bündner Hauptstadt auf Platz drei hinter Burgdorf und Winterthur, präzisiert Vorstandsmitglied Peter Oberholzer: «Chur holt auf.»
Zum verbesserten Image des Velos hat unter anderem im vergangenen Jahr die Ausstellung «RadArt» beigetragen. Auf Initiative von Pro Velo haben Schülerinnen und Schüler der Unter- und Oberstufe während des Winters alten Draht­eseln neues Leben als Kunstobjekte eingehaucht. Die im Unterricht entstandenen Objekte wurden während eines Monats in den Schaufenstern von Churer Altstadt-Geschäften ausgestellt. Die Ausstellung erhielt viel Resonanz in den Medien und viel positives Echo. «Die Aktion brachte die Sympathie für das Velo auf fröhliche und unbeschwerte Art weiter», fügt Vorstandsmitglied Peter Oberholzer an.

«Veloland Graubünden»

Pünktlich zum Frühling wird das grösste Projekt des vergangenen Jahres fertig: Im April erscheint der Tourenführer «Veloland Graubünden», den Pro Velo zusammen mit velojournal herausgibt. Mit dem Buch wolle man das Bewusstsein für die Mobilitätsform Velo weiter stärken, erklärt Edi Rölli. Und zwar in allen Bereichen. Deshalb umfasst das Buch Familientouren, die mit Kinderanhänger gut gefahren werden können, Bikeerlebnis-Touren und Passfahrten. Auch Pässe könnten mit «normalen» Velos gut bewältigt werden, ergänzt Andreas Egger. Als Vorstandsmitglied von Pro Velo leitete er die Arbeiten rund um das neue Buch.
Im Bündnerland ist der Biketourismus auch sonst ein wichtiges Thema. Die Regierung will den Kanton zur Bike-Region Nummer eins der Schweiz machen. «Wir haben 111 offiziell signalisierte Mountainbike-Routen im Kanton», stellt Edi Rölli fest. Das unterstreicht den Stellenwert des Bikes für den Tourismus. Doch den Touristikern sei noch zu wenig bewusst, dass Radfahrende generell eine interessante Zielgruppe seien.
Das Buch «Veloland Graubünden» ist aber kein reines Tourismusprojekt: «Wir wollen auch der heimischen Bevölkerung bewusst machen, dass das Fahrrad nicht nur in der Freizeit, sondern auch im Alltag ein gutes Fortbewegungsmittel ist», fasst Andreas Egger die Absicht zusammen. Als Fernziel wolle man zudem erreichen, dass bewährte Touren aus «Veloland Graubünden» in offiziell signalisierte Velorouten umgewandelt werden.

Schon hoch ist die Akzeptanz des Velos bei den öffentlichen Verkehrsbetrieben im Kanton. Fahrräder können mit der Rhätischen Bahn (RhB) und auf vielen Postautostrecken befördert werden. Auch im Churer Stadtbus dürfen Velos mitgenommen werden, sofern es der Platz erlaubt. Der Velotransport im öV funktioniert nicht zuletzt aus touristischen Gründen. Sowohl RhB als auch PostAuto betrachten Radfahrende als wichtige Zielgruppe und sind als Sponsoren am Tourenführer beteiligt.

Chur erhält neue Radwege

Für die nächsten Jahre sind in und um Chur weitere Velomassnahmen geplant. Im aktuellen Agglomerationsprogramm sind über zwanzig Punkte definiert. Ein Radweg von der Stadt bis ins nördlich gelegene Trimmis ist schon seit den 80er-Jahren ein Wunsch von Pro Velo und soll endlich gebaut werden. Das Beispiel zeigt: «Wer in der Fahrradförderung Erfolg haben will, braucht einen langen Atem», so Edi Rölli. In drei Jahrzehnten hat Pro Velo Graubünden aber in partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit der Stadt Chur und der kantonalen Fachstelle Langsamverkehr schon ziemlich viel bewegt.

www.provelogr.ch

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