Von Aufsteigern und Dauerbrennern

Viele Schweizer Radprofis müssen sich 2018 besonders beweisen: Ihre Verträge laufen aus. Wir beleuchten, wer in diesem Jahr aufsteigt und wer gegen den Abstieg kämpft.

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Emil Bischofberger
Sport, 02.02.2018

Zurücklehnen liegt bei den Schweizer Strassenprofis in diesem Jahr nicht drin. In der Worldtour, der obersten Kategorie, hat heuer nur mehr ein Dutzend einen Platz gefunden. Das ist einer weniger als 2017. Von den zwölfen müssen sich zehn besonders beweisen: Ihre Verträge laufen Ende Jahr aus. Besonders delikat ist die Situation für die Fahrer von BMC-Tagheuer. Ob das Engagement des schwer kranken Mäzen Andy Rihs über diese Saison hinaus weitergeht, ist unklar. Und damit auch die Zukunft der Equipe.

Hoffnungs- oder Wasserträger?
Während Fahrer wie Michael Schär oder Danilo Wyss als solide Helfer ein geschärftes Profil haben, ist die Situation bei den jüngeren BMC-Fahrern komplizierter. Tom Bohli muss 2018 Resultate liefern, seine Talentproben aus den Nachwuchskategorien werden dem St.?Galler keinen zweiten Worldtour-Vertrag mehr einbringen. Der Walliser Kilian Frankiny hofft darauf, dass er seine schwere Verletzung gut überstanden hat und die Leistungen aus seinem ersten Profijahr bestätigen kann. Dort überzeugte er als starker Bergfahrer, nachdem ihn BMC 2017 etwas überraschend mit einem Vertrag ausgestattet hatte.
Und da wäre noch Stefan Küng. Der Thurgauer erlebte seine erste verletzungsfreie Saison seit Längerem. Abgesehen vom Etappensieg an der Tour de Romandie vermochte er nur ein kleines Zeitfahren zu gewinnen. Zu wenig für sein Talent: Will er sich als künftiger Teamleader positionieren, bei BMC oder anderswo, ist von ihm in diesem Jahr eine Leistungssteigerung gefordert. Zu dieser scheint er sehr wohl imstande, oft fehlte ihm aber zuletzt gerade bei Zeitfahren etwas das Wettkampfglück. Findet er dieses jedoch auch 2018 nicht, könnte er schneller, als ihm lieb ist, in die Kategorie der Edelhelfer abrutschen.
Dieser ist ein anderer entstiegen, der dieses Jahr selbstbewusst angeht: Silvan Dillier fuhr 2017 die beste Saison seiner Karriere. Der Aargauer gewann eine Etappe am Giro d’Italia und die Gesamtwertung der Route du Sud, zudem wurde er Schweizer Strassenmeister. Diese Erfolge brachten ihm einen schönen Vertrag in Frankreich ein: Künftig fährt er für das Team AG2R von Romain Bardet. Das ist mit einigen Vorzügen verbunden: Die (erstmalige) Teilnahme an der Tour de France hat Dillier praktisch auf sicher. An den Frühjahrsklassikern ist er einer der Teamleader. Zudem unterschrieb er beim Team, für das er bereits als Junior gefahren war, gleich für drei Jahre – eine Seltenheit im heutigen Radsport.
Dillier ist damit neu Teamkollege von Mathias Frank. Der Vertrag des Luzer­ners hingegen läuft aus. Nach einem von Krankheit geprägten Jahr muss der Rundfahrer besonders an den Schweizer Rennen zeigen, wozu er fähig ist. Die Walliser Steve Morabito und Sébastien Reichenbach dürften bei FDJ derweil durchaus Chancen auf eine Weiterverpflichtung haben.

Albasini hängt zwei Saisons an
Das gilt auch für Grégory Rast und Reto Hollenstein. Rast ist nach dem Rücktritt seines Zuger Kantonskollegen Martin Elmiger der dienstälteste Schweizer, der 38-Jährige geht in seine 17. Profisaison. Ob es auch noch eine 18. gibt, könnte sich schon nach dem Frühjahr entscheiden: Bei Trek zählt man auf Rast als Helfer von Leader John Degenkolb. Nicht unähnlich ist die Situation bei Reto Hollenstein: Auch er muss sich beim sehr internationalen Katjuscha-Team erneut beweisen.
Das hat Michael Albasini nicht mehr nötig. Er konnte bei Mitchelton-Scott als 37-Jähriger noch einmal für zwei Saisons verlängern. Was alles sagt über das Renommee des Ostschweizers.
Neue Schweizer Gesichter gibt es in der Worldtour nicht, dafür aber eine Stufe darunter, bei den ProContinental-Teams. Mit Patrick Müller (21) und Fabian ­Lienhard (24) kamen zwei junge Fahrer bei ausländischen Teams unter. Müllers Team Vital Concept besitzt eine Wildcard für die Tour de France. Das sind interessante Aussichten, auch wenn das grösste Rennen des Jahres für den Neoprofi eine noch etwas zu schwere Aufgabe sein dürfte. Lienhard dagegen hat sich bereits an der Elite-WM bewiesen, nun will er beim US-Team Holowesko- Citadel sein Profil weiter schärfen.
Marc Hirschi, der Dritte der U-23-EM, zog es schliesslich vor, bei einem Nachwuchsteam zu unterschreiben, beim Development Team von Sunweb. Die Equipe hat jedoch das schmalste Kader aller Worldtour-Teams. Gut möglich also, dass der 19-jährige Berner ebenfalls schon 2018 Profiluft schnuppern wird.


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