Vom Kindergärtner bis zum König

Die diesjährige Velocity-Konferenz fand in Nijmegen statt. Neben anregendem Austauschmit der weltweiten Velocommunity über Mutproben, WC-Entstopfer und königlichen Spirit gab es das niederländische Fahrradparadies zu erfahren.

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Rebecca Müller, Daniel Bachofner
11.09.2017

Ob alt, schwanger oder noch im Kindergarten: Alle sitzen auf dem Velo. Kinder fahren stehend auf dem   ihrer Eltern mit; zu zweit nebeneinander fahren ist Standard, und einen Helm trägt niemand.
Unterwegs in die Primarschule Beuningen, einen Vorort von Nijmegen, fahren wir auf Velostrassen und durch Velounterführungen. Immer ist der Weg dank roten Asphalts leicht zu finden, die Führung klar verständlich, kinderleicht. Die Ingenieure der Stadt zeigen uns aber auch eine Kreuzung, an der sie den Vortritt für den querenden Veloweg eingerichtet und später wieder zurückgebaut haben. Begründung: Er funktioniere nicht, die Autos erkennen den Vortritt nicht (an), und somit sei es zu gefährlich für die Velofahrenden. Anders 100 Meter vor der Schule: Dort hat der Veloweg, der direkt auf den Schulhof führt, nun auf der recht stark befahrenen Strasse Vortritt. Dank klarer Zeichen und dem erhöhten Übergang funktioniert er gut. Von dieser Seite ist die Schule nur über den Veloweg und ein Trottoir zu erreichen. Zur Turnhalle müssen alle Kinder mit dem Velo. Elterntaxi gibts nicht – selber pedalen macht sicher im Verkehr.
Immer wieder wird auf den Exkursionen und in den Konferenzsälen aber auch ernüchternd klar, dass die Niederlande ein Autoland sind; gute Veloinfrastruktur ist auch hier immer das Resultat einer Auseinandersetzung. Der berühmte Velokreisel in Eindhoven ist nicht nur Leuchtturm der Veloförderung und Treffpunkt für Teenager. Er ist vor allem auch eine Kapazitätserhöhung für die gefühlten 20 Autospuren darunter.

Extrarunde im Velokreisel
Auch die Velocity-Konferenz selber scheint dem Velo nicht recht zu trauen: Eröffnungs- und Schlussfeier finden in Arnhem statt, 20 Kilometer von Nijmegen entfernt. Interessanterweise gibt es keinen Treffpunkt für eine gemeinsame Velofahrt auf der grossartigen Velobahn, sondern Bustransport und Gratistickets für den Zug. Selber schuld, wer sich dieses Erlebnis entgehen lässt: Von Stadtrand zu Stadtrand hat die Velobahn immer Vortritt. Wir krönen die Fahrt mit einer Extrarunde im Kreisel.
Ein symbolhafter Teil der Konferenz ist die Übergabe der «EU Cycling Strategy» an die Kommissarin für Transport der Europäischen Union, Violeta Bulc. Es handelt sich um eine Liste von Empfehlungen und Massnahmen, die bewirken sollen, dass in Europa bis 2030 50 Prozent mehr Velos verkehren. Die Strategie ist das Ergebnis jahrelanger Arbeit, vorab der European Cyclists Federation, des europäischen Dachverbands von Pro Velo. Das Dokument fordert die EU auf, bis 2034 9 Milliarden Euro in Velomassnahmen zu investieren. Es rechnet aber auch vor, dass der Gewinn ein Mehrfaches der Investitionen ausmachen werde. Kommissarin Bulc unterstützt in ihrer Rede die Forderungen und versichert, die Vorschläge wohlwollend zu prüfen.
 
Support von Oben
Die Konferenz führt uns mit Diskussionen über den Veloanteil von zwei Prozent in Sydney oder beim Tee mit Thongchai aus Thailand auch weit über Europa hinaus. In vielen Regionen der Welt ist Velofahren immer noch eine Mutprobe. Manila, die Hauptstadt der Philippinen zum Beispiel, wächst derart unkontrolliert, dass die Stadtplanung nicht einmal die wichtigste Infrastruktur – Wasser, Abwasser und Strom – zur Verfügung stellen kann.
Es gibt aber auch hoffnungsvolle Töne aus den Veloentwicklungsländern: In den USA entstehen Gruppen, die schwarze Frauen aufs Velo bringen, Jugendliche erobern mit ihren BMX-Rädern den öffentlichen Raum zurück, und wenn nötig dient eine Reihe WC-Entstopfer als Abgrenzung eines Velostreifens.
Thinley Namgyel aus Bhutan erklärt uns das Gross Happiness Product, das Bhutan für die Messung des Wohlergehens der Bevölkerung verwendet. Wir sind uns einig: Velofahren ist ein wunderbarer Happiness-Generator! Auf die Frage, wieso die einzige Ampel in Bhutan abgestellt worden sei, antwortet Namgyel: «People didn’t like it.»
Spannend ist neben dem königlichen Spirit auch eine andere Parallele zwischen den Niederlanden und dem Himalaya-­Staat: Bhutan hat einen bescheidenen König, der sehr gerne mit dem Mountainbike unterwegs und damit ein grosses Vorbild für die Bevölkerung ist. Nachdem bereits der niederländische König Willem-Alexander die Konferenz zwar stumm, aber mit einer Velofahrt eröffnet hat, wünschen wir Schweizer uns spätestens jetzt auch etwas magistralen Support für die hiesige Veloförderung.

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