Es nimmt die Verkehrsberuhigungsschwellen auf der Quartierstrasse in Zürich Unterstrass wie im Flug: kein Holpern, kein Plumpsen, keine leidenden Pobacken, und das trotz der 30 km/h, mit denen wir – alleine durch Muskelkraft – unterwegs sind. Auch über die Kieselsteinwege im nahen Irchelpark gleitet es, als sässen wir in einer Sänfte. «442» («Four for Two») nennt der 55-jährige Zürcher Charles Henry, von Haus aus Biologe und Geoinformatiker, aber Erfinder von Velomobilen aus Leidenschaft, seine neuste Entwicklung. Vorerst ists noch ein Arbeitstitel.
Vollverschaltes Velomobil
Wir sind nicht alleine unterwegs auf Zürichs Strassen an diesem sommerlichen Freitagmorgen. Die Menschen, die durch den Park spazieren, schauen und kommentieren das so noch nie Gesehene: ein Gefährt, das aussieht wie ein doppeltes Liegevelo und ein bisschen gar wie ein Auto, in dem ein Fahrer und daneben ein (trampender) Passagier sitzen. Und weil das muskelbetriebene Velomobil bodennäher unterwegs ist als ein Auto, könnte man sogar an ein Rennauto denken. So oder so: Es fällt auf.
Es gab erst wenige Gelegenheiten, das «442» zufällig auf der Strasse anzutreffen, unter anderem auf einem längeren Ausflug von Aarau nach Dagmarsellen und zurück. Auf den fast 70 Kilometern testete Charles Henry die Stabilität des Rahmens bei hohen Geschwindigkeiten. Mit an Bord war der Fahrradbauer Röbi Stolz. Es sei ein guter Ort gewesen, um das Velo erstmals zu präsentieren, sagt Henry, «dreissig Jahre zuvor wurde dort der Verein Future Bike gegründet».
Eine Idee selber umzusetzen, sich technischen Herausforderungen zu stellen und die Grenzen auszuloten, fasziniere ihn. 1999 wurde der Tüftler mit Leichtathletikvergangenheit zusammen mit Kollegen und dem vollverschalten Velomobil «Snapper» bei der Human Powered Vehicle World Championship (HPV-WM) in Interlaken auf Anhieb gleich in zwei Disziplinen Dritter. «Aber das Velo war nicht alltagstauglich», erklärt Henry. Als Nächstes entwickelte er ein unverschaltes Liegerad aus Carbon, das «Peregrin» – wegen seiner leichten 11 Kilogramm eigne es sich hervorragend auch für hohe Alpenpässe. Schon über ein Dutzend Personen bestellten ihr eigenes Exemplar. Mit dem Bau beauftragt Henry jeweils Birkenstock Bicycles. Er selbst benutzt es täglich für den Arbeitsweg in die Zürcher Innenstadt.
Freie Fahrt zum Mittelmeer
Mit dem neuen Liegevelo denken Charles Henry und seine Kollegen aber bereits in neuen Dimensionen. Er beobachtet die Entwicklungen in der Gesellschaft und auf dem Markt und sieht, was sich bei den Cargo-Velos tut. Auch das «442» kann ein Cargo-Velo sein – aber nicht nur: «Wir bauen es modular, sodass verschiedene Einsatzzwecke möglich sein werden. Es hat einen Rahmen, auf den man Verschalungen für Transporte unterschiedlicher Art wird aufsetzen können – vom Kind über den Hund bis zu Waren. Oder eine aerodynamische Verschalung, die einem erlaubt, zu zweit auf ebenen Strecken eine Geschwindigkeit von dauerhaft 50 km/h zu halten. Ein Elektromotor soll helfen, das zusätzliche Gewicht beim Anfahren und am Berg zu kompensieren.» Henry stellt sich vor, wie er und andere dereinst mit dem Vierrad-Liegevelo ans Mittelmeer fahren werden.
Von der Produktion spezieller Liegevelos zu leben, ist nicht seine Absicht. Er habe eine Arbeit, die ihm gefalle. Henry ist beim Kanton Zürich in der Abteilung Wald für das geografische Informationssystem zuständig. Dieses verknüpft Karten- und Datenbankmaterial miteinander, und er erstellt Analysen – etwa dazu, wer wo Wald hat und in welchem Zustand dieser ist. Dass seine Arbeit computerlastig ist, stört den an vier Tagen arbeitenden Naturfreund nicht.
Den fünften Arbeitstag und oft den Samstag widmet er dem Überwinden technischer Herausforderungen in der Mobilität. Angst, dass jemand die Idee klauen könnte, hat er nicht: «Ich sehe es als Chance, sich gegenseitig zu inspirieren. Ausserdem», sagt er verschmitzt, «sind wir mehrere Spezialisten, die miteinander vernetzt arbeiten – wir haben einen grossen Vorsprung.»
Esther Banz
14.07.2015







