Viel Ahnung von Planung

Verkehrsplanung ist ein komplexes Thema, doch aus der Arbeit von Pro Velo nicht wegzudenken. Noch gibt es wenig Lehrgänge zu nachhaltiger Mobilität. Zwei Fachfrauen berichten von ihrem Werdegang zu Planungsprofis.

Fabian Baumann, Redaktor (fabian.baumann@velojournal.ch)
14.07.2014

Der Bund möchte das heutige Mobilitätsbedürfnis der Schweizerinnen und Schweizer effizient bewältigen. Gleichzeitig soll die Umweltverträglichkeit nicht leiden. Dem Langsamverkehr, also dem Fuss- und Veloverkehr, kommt eine wichtige Bedeutung zu. Neben dem motorisierten Individualverkehr und dem öV soll er sich nach dem Willen des Bundesrates zu einer dritten Säule des Personenverkehrs entwickeln. Der Langsamverkehr ist nicht nur für das Funktionieren des Personenverkehrs von Bedeutung. Er erfüllt beinahe alle Ansprüche, die heute an eine nachhaltige Mobilität gestellt werden. Wer sich unmotorisiert fort­bewegt, tut etwas für seine Gesundheit, entlastet die Strassen und schont gleichzeitig die Umwelt.

Experten sind gesucht
Auch wenn die Themenbereiche Fuss- und Veloverkehr heute im Studium von Verkehrsplanerinnen und -planern Einzug halten, sind Fachleute rar. Eine im Auftrag des Bundesamtes für Strassen (Astra) publizierte Studie hielt Ende 2013 fest: «Das Bildungsangebot zum Thema Verkehrswesen und insbesondere im Bereich Langsamverkehr ist insgesamt ungenügend.» Eine am 20. Juni von Roland Fischer, Pro-Velo-Schweiz-Vorstandsmitglied und Nationalrat der Grünliberalen, eingereichte Motion fordert nun Verbesserung in der Aus- und Weiterbildung von Langsamverkehrsfachleuten. Monika Hungerbühler, Leiterin des Bereichs Planung und Infrastruktur bei Pro Velo
Zürich, hat den Weiterbildungslehrgang «Nachhaltige Mobilität» an der Hochschule für Technik Rapperswil absolviert. Bereits im Architektur- und Städtebau­studium beschäftigte sie sich mit Verkehrsplanung. Damals auch aus eigener Betroffenheit. «Ich habe in Genf studiert, wo die Situation für Velofahrende damals katastrophal war.» Trotz persönlicher Fokus­sierung auf die Verkehrsplanung und 20-jähriger Velopraxis findet sie Weiterbildung wichtig: «Das Diplom gibt uns die Legitimation, als Fachorganisation aufzutreten.» Pro Velo Zürich werde heute so wahrgenommen. Auftraggeber wie Gemeinden oder der Kanton schätzten dies. Zudem erleichtere die Weiterbildung die Zusammenarbeit mit Verkehrs­planerinnen und -planern, weil man an Sitzungen auf gleicher «Augenhöhe» miteinander spreche. Hungerbühler kennt Beispiele anderer Regionalverbände, die es diesbezüglich schwerer hätten. Trotz vielen Jahren Erfahrung und entsprechendem Know-how engagierter Personen gelte Pro Velo vielerorts als Lobby­organisation. Entsprechende Aus- oder Weiterbildungen können mithelfen, Pro Velo als Fachorganisation zu profilieren.

Von Pro Velo zur Fachstelle
Wie Monika Hungerbühler beschäftigt sich auch Julie Barbey mit Mobilitäts­fragen. Die Westschweizerin ist seit 2011 Projektleiterin Langsamverkehr im Umwelt-, Transport- und Landwirtschaftsdepartement des Kantons Genf. Davor arbeitete die studierte Geografin zunächst in einem auf den Verkehrsbereich spezialisierten Ingenieurbüro, danach als wissenschaftliche Assistentin an der ETH Lausanne. Aus persönlichem Interesse engagierte sie sich gleichzeitig bei Rue de l’Avenir sowie bei Pro Velo Genf. Als technische Beraterin bei der Velolobby setzte sich Barbey intensiv mit Verkehrsprojekten des Kantons auseinander. Das Augenmerk habe auf den öffentlich ausgeschriebenen Projekten gelegen. «Leider war es aber oft zu spät, um Änderungsvorschläge zugunsten des Fuss- und Veloverkehrs anzubringen», sagt Barbey gegenüber Velojournal. «Es motiviert mich, dass mein Wechsel zum Kanton das möglich macht.» Sie könne nun frühzeitig auf die Ausgestaltung von Verkehrsprojekten Einfluss nehmen und dafür sorgen, dass die «sanfte Mobilität» nicht ver­gessen gehe. Eine Ansprechpartnerin zu haben, die ihre Ideen teile, sei hilfreich, heisst es dazu bei Pro Velo Genf. Aus der Velolobby und Rue de l’Avenir ist Julie Barbey ausgetreten, um Interessenkonflikten vorzubeugen. Das Bewusstsein für nachhaltige Mobilität werde bei Verkehrsplanerinnen und -planern insgesamt besser, ist die Fachfrau überzeugt. «Doch der Weg ist noch lang.»

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