Verlorene Schlachten?

Der grosse Veloboom um 1900 erzeugte erstaunliche gesellschaftliche Bewegungen und manche Überraschung. Das zeigt sich beim Blick in alte Reiseführer – und über den Atlantik.

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Dres Balmer
22.05.2017

Der Reiseführer «Baedekers Schweiz» erscheint seit 1844, wird immer wieder aktualisiert und ist bis heute ein Klassiker seiner Gattung. Beim Stöbern in der Ausgabe von 1909 fallen die «Bemerkungen für Rad- und Automobilfahrer» auf, schon durch die Reihenfolge: Die erstgenannten Velofahrer sind im jungen 20. Jahrhundert offenbar zahlreicher als motorisierte Gäste.

Es folgen andere Überraschungen: Mitglieder ausländischer Radfahrerbünde kommen gegen ein kleines Entgelt in den Genuss von preisgünstigen Dienstleistungen des Touring Clubs der Schweiz (TCS). Da werden auch Velokarten empfohlen, welche Steigungen grafisch hervorheben. Laut Baedeker eignet sich die Topografie der Nordwestschweiz für Radfahrtouren, er mahnt aber: «Gebirgsstrassen und Pässe sind nur kräftigen und ausdauernden Radfahrern anzuraten; ausser einer starken Vorderradbremse ist hierfür auch eine solche am Hinterrad (mit Freilaufeinrichtung) zu empfehlen. Nachschleifende Baumäste als Hemmmittel zu benutzen, ist überall verboten.»

Öffnen wir die Ausgabe von 1927. Da lautet die Überschrift nur noch «Bemerkungen für Automobilfahrer». Die Velogäste sind spurlos aus dem Buch verschwunden, es widmet ihnen nicht mehr auch nur ein einziges Wort. Das weist hin auf eine vergessene Revolution in der Verkehrsgeschichte. Die Touring Clubs Italiens, Frankreichs und der Schweiz, die Ende des 19. Jahrhunderts gegründet wurden, waren ursprünglich Fahrradvereine, deren imposante Mitgliederzahlen den rauschenden Erfolg der Velobewegung widerspiegeln. Nach 1900 werden Autos immer populärer, und kurze Zeit später nimmt ihre Zahl in so rasendem Tempo zu, dass die Touring Clubs auf die Auto- und Motorrad-Kundschaft umschwenken. Der Touring Club Schweiz aber pflegt seine Mitglieder auf dem Velo nach wie vor.

Auffällig ist auch ein Vorgang in den USA. Weil dort um 1900 in vielen Städten die Strassen sehr schlecht sind, weichen die zahlreichen Velofahrer aus auf den besseren Belag der Trottoirs. Das aber führt zu Streit mit den Fussgängern. Es ist dann ausgerechnet die über 100?000 Mitglieder starke Velofahrerorganisation namens Lea­gue of American Wheelmen (LAW), die sich politisch erfolgreich einsetzt für bessere Strassenbeläge. Die guten Strassen werden gebaut, was nach kurzer Zeit aber vor allem dem motorisierten Verkehr das Rollen erleichtert.

Wenn also schon Velofahrer den Bau von Autostrassen in den USA vorantreiben, hat das Schweizer Velovolk ein Jahrhundert später Anrecht auf diese globalisierte Retourkutsche: Das Bundesamt für Stras­sen (Astra) beschränkt die Geschwindigkeit auf der stillen Transjurane-Autobahn A 16 auf 80 km/h und gibt den Pannenstreifen frei für Velofahrerinnen und -fahrer, und ab dem 1. April 2018 wird der sinnige Spruch «per aspera ad astra» umformuliert in «per Astra ad astra».

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