Veloteilen wird gerade neu erfunden

Maurus Rohrer war einer der ersten Digital Natives der Schweiz und ein früher Mountainbiker noch dazu. Jetzt bringt er erstmals beide Interessen zusammen – für ein britisches Start-up-Unternehmen arbeitet er an einem smarten Veloschloss.

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Esther Banz
Kultur, 19.03.2014

Für Maurus Rohrer bin ich in den Keller gestiegen. Dort lagern Schachteln mit alten Ausgaben der ehemaligen Jugendzeitung «Toaster». Das erste Porträt, das ich über ihn schrieb, erschien 1996. Er war damals 15 Jahre alt – und bereits ein Internetfreak. Joel, der Freund seiner älteren Schwester Seraina (die heutige Direktorin der Solothurner Filmtage), hatte ihm damals das Programmieren beigebracht, denn für den Aufbau seiner Internetseite www.music.ch brauchte Joel Unterstützung – und Maurus stürzte sich in die Materie und konnte innert Kürze schon Websites programmieren.

Zur gleichen Zeit habe er das Biken entdeckt, erzählt der drahtige Zürcher. Wir sitzen in der Küche des 32-Jährigen in Däniken, der Kühlturm des Kernkraftwerks Gösgen scheint zum Greifen nah. Was hat den AKW-Gegner, der als kleiner Bub schon an einer Demo mitlief, nur hierher verschlagen? Antwort: seine deutsche Freundin. Zusammen sind sie erst vor wenigen Monaten aus Berlin nach Däniken gezogen, weil die Architektin in Aarau eine interessante Stelle fand. «Für mich kommt es nicht so sehr drauf an, wo ich lebe», erklärt Rohrer. «Mit einem Internetanschluss kann ich von überall her arbeiten.» Und so übel ist der Wohnort ohnehin nicht: ein altes Industriegelände mit anderen Kreativen, die dort leben oder arbeiten oder beides.

Ein Mountainbike als Wertanlage

Maurus Rohrer gehört zu Letzteren. In einem Zimmer hat er den Computer aufgestellt, hier tüftelt er an einem neuartigen Veloschloss namens «Lock8». Das ist, in seinen Worten, «ein intelligentes Schloss, das es einem erlaubt, das eigene Velo jederzeit und von überall her mit anderen zu teilen, denn der Schlüssel ist ein Code, den man via Handy-App verwalten kann. Die Hardware des Schlosses ist mit mehreren Sensoren ausgestattet, die es einem Dieb äusserst schwer machen, das Velo zu klauen. Ich würde auch sofort eine SMS erhalten, wenn jemand Fremdes mit dem Velo davonfahren würde – und weil es ein GPS im Schloss hat, wüsste ich sogar, wohin das Velo entführt wurde.»

So etwas wie ein «Air B’n’B» für Velos ist ja durchaus sinnvoll – wie praktisch: Egal in welcher Stadt, ich finde dort ein privates oder von der Gemeinde zur Verfügung gestelltes Stadtvelo, Cargovelo oder E-Bike mit Hundeanhänger, das ich unkompliziert ausleihen kann.

Maurus, der in Rapperswil und Berlin Softwareentwicklung studiert hat und sich auf Sicherheitssysteme und die sogenannte Near Field Communication (NFC) spezialisierte, wählte für seine Masterarbeit genau dieses Thema: ein sicheres, IT-gestütztes Veloschloss, das mit dem Smartphone kommunizieren kann. «Ich hätte die Idee aber nie selbst verwirklichen können.» Warum? Rohrer: «Weil man sie ja auch verkaufen müsste. Und dann der Hardware-Teil des Ganzen – das hätte ich alles nicht zustande gebracht. Aber die sichere Software hatte ich entwickelt, und sie unter anderem erfolgreich von Leuten des Chaos Computer Club analysieren lassen», erzählt der Velofreak, der ein original Joe-Breezer-Mountainbike als seine «Anlage» bezeichnet. Weitere Velos hat er in Berlin («ein uraltes Fixie»), Zürich und freilich in Däniken, sieben sind es insgesamt.

Gerade eben ist er von einer intensiven Arbeitsphase in Oxford, wo das Start-up beheimatet ist, zurückgekehrt. Bei der Firma ist er vorerst als fester Freelancer angestellt. Auf das Start-up aufmerksam geworden ist er über deren Crowdfunding-Offensive auf Kickstarter: «Kaum hatte ich meine Masterarbeit abgegeben, waren zwei Projekte mit genau dieser Idee auf Kickstarter. Mit den Engländern passte es. Seither mache ich, was ich seit ein paar Jahren ohnehin und am liebsten machen will: ein Veloschloss mitentwickeln, das ich selber unbedingt haben will.» Dass das jetzt ein fast unanständiger Werbespot ist, freut ihn natürlich. Dass nicht ich das Schloss dereinst testen werde, sondern einer der fachkundigen Mitarbeiter des Velojournals, erleichtert wiederum mich.

Aber egal, welches Produkt von welcher Firma: So etwas wie ein «Air B’n’B» für Velos ist ja durchaus sinnvoll – wie praktisch: Egal in welcher Stadt, ich finde dort ein privates oder von der Gemeinde zur Verfügung gestelltes Stadtvelo, Cargovelo oder E-Bike mit Hundeanhänger, das ich unkompliziert ausleihen kann.

Diverse europäische Städte hätten sich bereits bei ihnen gemeldet, erwähnt der Tüftler nebenbei. Vermutlich zählt er einmal mehr zu den Pionieren. Und kann zusammenbringen, was für ihn schon immer zusammengehörte: Velofahren und Informatik.

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