Die Tiefflüge von Euro und Dollar verstärken ein Problem in der Schweizer Velobranche, das nicht neu ist. Man kann es auf einen Nenner bringen: Die Preise sind zu hoch. Einen Teil der Differenz können die Händler zwar begründen. Sie führen dafür das höhere Lohnniveau oder die bessere Servicequalität ins Feld. Dies sei aber nur möglich, solange es sich um Preisunterschiede von 10 bis 15 Prozent handle, argumentiert ein Händler und stellt fest, bei den aktuellen Preisunterschieden um 40 Prozent funktioniere diese Erklärung nicht mehr.
Solche Beispiele gibt es aber inzwischen zuhauf: Auf einer «Blacklist» der Stiftung für Konsumentenschutz (SKS) ist das Mountainbike Scott «Scale60» zu finden. SportScheck verlangt dafür in der Schweiz 1499 Franken, in Deutschland nur 1099 Franken. Das ist ein Unterschied von 39 Prozent. Ähnliche Differenzen gebe es laut SKS bei Shimano oder beim Kindervelo-Hersteller Puky. Ein Fernsehbeitrag der Sendung «Schweiz aktuell» zeigte, dass ein Flyer von Biketec, der in der Schweiz 3790 Franken kostet, in Konstanz für umgerechnet 2630 Franken zu haben ist. In der Velobranche kursieren weitere Beispiele von überhöhten Preisen für den Schweizer Markt. Da gibt es den Velohelm, der – direkt aus den USA importiert – umgerechnet 88 Franken kostet. Der Importeur verlangt dafür aber 169 Franken. Da gibt es den Hersteller in den Niederlanden, der für das gleiche Velo vom Schweizer Händler grundsätzlich einen viel höheren Preis verlangt als von dessen deutschen Kollegen.
Sind die Schweizer Hersteller und Importeure die Profiteure der Währungsschwankungen, weil sie im Euroraum zu tiefen Preisen einkaufen können? Reto Meyer, Geschäftsführer des Kreuzlinger Veloherstellers Tour de Suisse, betont, dass man den Händlern bereits Währungsrabatte angeboten habe. Er erklärt den Mechanismus der Preisberechnung: Im Herbst würden jeweils die Katalogpreise für die folgende Saison festgelegt. Dabei müsse man den Eurokurs vorauskalkulieren und ihn gleichzeitig auch absichern. Der Tiefflug war aber im Herbst 2010 nicht vorhersehbar – genauso wenig wie die künftige Entwicklung für 2012 jetzt abzusehen ist. «Wenn sich 2012 der Kurs zwischen 1.15 bis 1.25 einpendelt, liegen wir in der richtigen Bandbreite», erklärt Meyer.
Konsumenten weichen aus
Mit dem tiefen Eurokurs scheint für Schweizer Konsumenten, die bisher klaglos die hohen Preise bezahlt haben, eine Schmerzgrenze überschritten. Sie weichen ins Ausland oder ins Internet aus. Unter der Situation leiden vor allem Händler in der Grenzregion. «Bei uns begann der Einbruch bereits im letzten Jahr», sagt Clemens Späni, Mitinhaber von Velodrom in Kreuzlingen (TG). Die Werkstatt laufe wie immer – im Verkauf herrsche hingegen «tote Hose», fasst Harry Ramsauer von Ramsauer 2-Radsport in St. Gallen zusammen.
Seit zwei Wochen steht ein Schild vor dem Laden, auf dem er 20 Prozent Rabatt auf «Fullies» anbietet. Ohne jegliches Echo. Ramsauer hofft nun, dass die angekündigten Preissenkungen die Kunden zurückbringen. Doch er ist skeptisch. Ein Hersteller habe ihm erklärt, er rechne neu mit einem Eurokurs von 1.30 Franken, ärgert sich Ramsauer. «Die Faust im Sack und einen dicken Hals», beschreibt er seine Gemütsverfassung. Der Spielraum der Händler ist klein. Sie könnten versuchen, Hersteller, die zu hohe Preise verlangen, nicht mehr zu berücksichtigen. Dies funktioniert aber nur bei austauschbaren No-Name-Produkten. Sie können allenfalls einen kleinen Teil der Verluste kompensieren, indem sie von ihren Kunden für den Service mehr verlangen, wenn das Velo beispielsweise im Ausland gekauft wurde. Dann liege der Stundenlohn halt bei 120 statt bei 90 Franken, droht Harry Ramsauer.
Parallelimporte prüfen
Händler aus der Ostschweiz wollen sich nun wehren. «Die Hersteller und Importeure müssen ihre hohen Preise plausibel erklären, Worthülsen und Vertröstungen werden nicht mehr akzeptiert», sagt Clemens Späni von Velodrom in Kreuzlingen. Man müsse das gängige System überdenken und langfristig die Einkaufspreise an den Euro binden, fasst er die Forderungen zusammen. Der Druck dazu könne nur von der Basis, den Händlern, kommen. Er schlägt vor, «mit der Saisonorder zuzuwarten, auf Produkte umzusteigen, die fair kalkuliert sind und Parallelimporte zu prüfen».
Klar ist bereits jetzt, dass die Preise markant sinken werden. Dies zeigen Ankündigungen, die teilweise bereits umgesetzt wurden: etwa von Veloplus, Tout Terrain oder den Kindervelo-Herstellern Like a Bike und Puky. Ob dies reicht, um die Gemüter zu besänftigen, muss sich erst noch zeigen. In einem Communiqué schreiben die Händler aus der Ostschweiz, dass sie erst auf Druckmittel zurückgreifen wollen, wenn sie keine anderen Möglichkeiten mehr sehen. Clemens Späni ist aber überzeugt, «dass viele mit ihrer Situation unzufrieden sind und sich eine Umorientierung, weg von der traditionellen Einkaufsform, überlegen».







