Die Velofabrik Binggeli, den Lateinern bekannt unter dem Kürzel Thömus, widmet ihrem 25. Geburtstag im März 2016 ein dickes Heft. Das Wichtigste darin sind neben viel E-Velo-Eigenwerbung seitenlang fotografiertes gegenseitiges Schulterklopfen der Firmenchefs mit Thömus’ Lieblingen aus Sport, Wirtschaft und Politik; bei Letzterer wird eifrig bis ganz oben, bis ganz rechts geklopft.
Auf den Seiten 22/23 spricht Jürg Schmid, der Schweiz-Tourismus-Direktor. Was meint er denn zum Velofahren? Schmid: «Wir haben so viele schöne Alpenpässe, die sich perfekt zum Rennvelofahren eignen. Das wollen wir im Ausland bekannter machen.» Wie geht das? Im Juli ist mit der Tour de France «der drittgrösste Sportanlass der Welt in der Schweiz zu Gast», sagt Schmid, und dies sei «für uns die perfekte Plattform, um die Schweiz im Ausland als Passland für Velotouristen zu positionieren».
Tage ohne Benzinmotoren
Die Tour de France helvétique geht so: An zwei Tagen rauscht der offizielle Tross mit 160 Rennfahrern und 2400 Motorfahrzeugen durch die Westschweiz, an einem Tag wird geruht, und während dieser ganzen Zeit ist von Schmids «so vielen schönen Alpenpässen» auch am Fernseher nicht ein einziger zu erblicken. Man wirbt also für ein Produkt, ohne es zu zeigen.
Schmid weiss noch mehr Überraschendes. Er erwähnt die Hobbyvelofahrer an den Pässen, stellt fest, diese seien «ein rasant wachsendes Kundensegment». Noch rasanter wird in Zukunft die Anzahl der Elektropassfahrer wachsen, denn ihre Motoren, siehe Thömus, werden immer stärker. All diese Gäste erwarten nach dem Radeln natürlich «gediegene Entspannung, gutes Essen und eine komfortable Übernachtungsmöglichkeit» sowie eine Akku-Ladestation. Mehrmals weist Schmid darauf hin, was für ein wichtiger Markt sich da abzeichnet, und wirbt nebenbei für sein Lieblingshotel. Weil auch die niedrigeren Sommerpreise das Geschäft begünstigten, so Schmid, «sind die Bergregionen (...) absolut konkurrenzfähig».
Schon lange denkt der Leser: Hopp Schmid, sag es jetzt doch endlich! Doch er sagt es nicht: Noch toller wären die Bergregionen, wenn die Pässe an gewissen Tagen, ohne Benzinmotoren, für die Velogäste, auch solche mit Elektromotoren, reserviert blieben. Dass dies die stärkste Pässewerbung wäre, weiss auch Schmid ganz genau. Warum aber, bei seiner ganzen Passbegeisterung, spricht er nicht darüber? Und warum hilft ihm da sein Interviewgegenüber nicht auf die Sprünge? Eine Kurzfassung des Gesprächs kann man übrigens im Velojournal 2/2016 nachlesen.
Wohlfeiles Geplauder
Wenn Jürg Schmids Ausführungen ernst gemeint sind, dann engagiert sich die grosse Wirtschaftsorganisation Schweiz Tourismus endlich im Kampf um benzinmotorenfreie Tage an den Pässen. Wenn nicht, hat Thömus’ Reklamepostille bloss ein wohlfeiles Geplauder unter Kollegen der Werbebranche abgedruckt.
Dres Balmer
19.05.2016







