Veloförderung mit breitem Konsens

Winterthur steht im Ruf, d i e Velostadt der Schweiz zu sein. Pro Velo Winterthur sorgt dafür, dass dies so bleiben wird. Dazu arbeitet der Vorstand in enger Vernetzung mit gleichgesinnten Organisationen zusammen.

Fabian Baumann, Redaktor (fabian.baumann@velojournal.ch)
23.05.2012

Im Unterschied zu vielen kleineren Regio­nalverbänden hat Pro Velo Winterthur eine eigene Geschäftsstelle. Diese wird in einem Zehnprozentpensum von Geschäftsführer Kurt Egli betreut. Was Winterthur ebenfalls von anderen Regionalverbänden unterscheidet, sind die Sitzungen des Vorstands. «Bei den Treffen ist nicht nur unser Vorstand, sondern auch jener des lokalen VCS zugegen», sagt Bernhard Fiedler, Vorstandsmitglied der örtlichen Pro Velo. Im Vorstand seien zudem Leute von Pro Bahn, Fussverkehr Schweiz, der SP, der Grünen und Grünliberalen. «Zusammen verfügen wir über viel Macht – oder besser gesagt: Wissen», sagt Fiedler. Die Mischung führe zu einer guten Absprache unter den verschiedenen Interessengruppen. So macht Pro Velo keine Vorstösse, die Fussverkehr Schweiz danach nicht unterstützen kann, und umgekehrt.

Pro Velo Winterthur ist ein Zusammenschluss von umweltfreundlichen Verkehrsverbänden. Politische Forderungen gegenüber der städtischen Verwaltung könnten so breit abgestützt werden. Mal reicht Pro Velo einen Vorstoss ein, der nächste kommt von Fussverkehr Schweiz und der übernächste vom VCS. Bernhard Fiedler merkt jedoch an, dass nicht alle Personen auch in jeweils allen Verbänden Mitglied seien. Die Vorstandstreffen dienten der Themenfindung und dem Ideenaustausch. Detailarbeit, wie beispielsweise das Brüten über Verkehrskonzepten, werde in kleineren Gruppen weitergeführt.

Kampf um jeden Meter

Beim Veloklimatest 2010 schnitt Winterthur im Vergleich zu anderen Schweizer Städten sehr gut ab. Neben Burgdorf rangierte die Eulachstadt mit ihrer Velofreundlichkeit auf dem ersten Platz. «Auch wenn man es nicht auf den ersten Blick sieht, kämpfen wir um jeden Meter», sagt Bernhard Fiedler. Das Fahrrad werde bei Verkehrsplanungen noch immer oft vergessen. Der Teufel stecke im Detail. Erst kürzlich musste Pro Velo intervenieren. An der Kreuzung Schlosstal, einem Knotenpunkt, der auch von zwei regionalen Velorouten gekreuzt wird, sind die Fahrradwege vergessen worden. «Die Routen sind im kommunalen Richtplan aufgeführt», erklärt Fiedler, darum müsse das Velo an diesem Knotenpunkt berücksichtigt werden.

Dennoch steht Winterthur punkto Fahrradförderung gut da. Im Gesamtverkehrskonzept der Stadt sind gar die ers­ten Velo-Schnellrouten der Schweiz geplant. Das sind Strassen mit wenig oder ohne motorisierten Verkehr, auf welchen Velos priorisiert vorankommen sollen. Der Unterschied zu Tempo-30-Zonen besteht darin, dass die auf der Velo-Schnellroute fahrenden Zweiräder vortrittsberechtigt sind, während in 30er-Zonen Rechtsvortritt gilt. Pro Velo möchte erreichen, dass eine solche Schnellroute als Pilotversuch umgesetzt wird. Ziel ist es, eine Strasse, die vom Vorort Wülflingen her in die Stadt führt, umzugestalten.

Veränderungen rund um den Bahnhof

Die Stadt Winterthur hat in ihrem Verkehrskonzept ursprünglich geplant, zwei Schnellrouten als Pilotversuch in diesem Jahr umzusetzen. Bisher ist aber nichts geschehen. «Darum nehmen wir das jetzt selbst in die Hand», sagt Bernhard Fiedler. Es gelte nun beim Bund abzuklären, welche Anforderungen gestellt werden. Leistet Pro Velo also die Vorarbeit, um die Stadt vor vollendete Tatsachen zu stellen? «Je mehr wir erreichen wollen, desto mehr müssen wir selber übernehmen», antwortet Fiedler mit einem Lächeln. Er ist zuversichtlich, dass sich Winterthur schon bald mit der ersten Rad-Schnellroute der Schweiz noch stärker als Velostadt positioniert.

Als Nächstes stehen Veränderungen rund um den Bahnhof an. Der sogenannte «Stadtraum Bahnhof» umfasst den bereits neu gestalteten Bahnhofplatz, eine Gleisquerung mit einer Velounterführung sowie die Umgestaltung der Rudolf­strasse, welche auf der Westseite des Bahnhofs parallel zu den Gleisen verläuft. Beim Bahnhofplatz hatte Pro Velo nichts mitzureden. Trotz Bemühungen der Fahrradförderer wurden Abstellplätze gestrichen. Bei der Gleisquerung konnte sich der Regionalverband hingegen in der Projektphase einbringen. Die gleisquerende Brücke wird künftig acht Meter Platz für Fahrräder und FussgängerInnen bieten, aktuell sind es nur zweieinhalb Meter.

In der letzten Etappe, der Umgestaltung der Rudolfstrasse, kann Pro Velo noch früher mitreden. Vertreter des Vorstands sind zu einem Workshop eingeladen. Dort soll über die unterschiedlichen Wünsche und Anliegen debattiert werden, noch bevor der Wettbewerb zur Strassenumgestaltung ausgeschrieben wird. Wichtig sei es, sicherzustellen, dass mit der Umwandlung der Strasse in eine Begegnungszone nicht alle Abstellplätze verschwinden.

Erfreuliche Entwicklung

Es ist jedoch ein gutes Zeichen, dass Pro Velo bereits so früh in die Planung miteinbezogen wird. «Beim Bahnhofplatz stiessen wir mit unseren Anliegen noch auf taube Ohren, bei der Gleisquerung konnten wir mitreden, und bei der Rudolfstrasse sind wir bereits im Vorfeld mit an Bord», fasst Bernhard Fiedler die Veränderungen zusammen. Eine erfreuliche Entwicklung, die hoffentlich auch für zukünftige Verkehrsprojekte Schule macht.

www.provelowinterthur.ch

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