Vom vielen Regen angeschwollen, fliesst die Aare zügig unter der Scherzligbrücke in der Thuner Innenstadt hindurch. Eng ist es auf der mittelalterlichen Brücke. Fussgänger und Velofahrerinnen teilen sich den knappen Platz. Auch sonst ist Raum in der an der Aare gebauten Altstadt knapp. An Wochenenden und im Sommer kommen zu den Einwohnerinnen noch die Touristen und die Flaneure aus der Umgebung hinzu.
Für Velofahrende ist es erst recht eng. René Lüthi, Präsident von Pro Velo Thun, setzt sich seit zwanzig Jahren für die Veloförderung ein. Ihm zur Seite stehen ein engagierter Vorstand und 300 Mitglieder. Schon 1980 setzte Pro Velo durch, dass Fahrräder die Busspur benutzen dürfen, und sie hatte sich für die Velostation am Bahnhof engagiert. Zweimal pro Jahr finden in Thun Velobörsen statt, und auch die Velofahrkurse erfreuen sich grosser Beliebtheit. Jedes Jahr organisiert Pro Velo ausserdem eine Velowoche, während der den Velofahrenden mit Schoggitalern gedankt und mit ihnen das Gespräch gesucht wird.
Harter Kampf um den Aare-Quai
Bei einigen Fragen musste Pro Velo Thun hartnäckig kämpfen: 15 Jahre dauerte es, bis die Stadtregierung den Aare-Quai für Velos öffnete. Zum Kompromiss gehörte allerdings ein Fahrverbot an Wochenenden und Feiertagen. Ein Verbot, an das sich niemand halte, wie René Lüthi weiss. Er zeigt zwar Verständnis dafür, dass sich gerade ältere Menschen vor den zuweilen schnell fahrenden Velos fürchten: «Doch statt sich für mehr Toleranz im Verkehr einzusetzen, hält die Stadt an wenig sinnvollen Verboten fest.» Erst kürzlich scheiterte ein weiterer Vorstoss der Linken, den Aare-Quai ohne Einschränkungen für Velos zu öffnen, am Widerstand der bürgerlichen Ratsmehrheit.
Dabei weiss auch der Thuner Sicherheitsdirektor Peter Siegenthaler, dass die Verbote kaum durchsetzbar sind. Der Sozialdemokrat, der gute Chancen hat, im November zum Stadtpräsidenten gewählt zu werden, zur Situation: «Selbst wenn wir an jeder Stelle einen Polizisten postieren würden, hätte das nur einen punktuellen Effekt.» Würde er gewählt, so setzte er sich für die Öffnung des Aare-Quais ein, verspricht er. Ausserdem müsse die Stadt als Koordinatorin im Veloverkehr eine wichtigere Rolle übernehmen. Heute fehle ein verkehrspolitisches Konzept. Gerade einmal 100?000 Franken gibt Thun bisher pro Jahr für die Veloförderung aus.
Aktiver ist der Kanton Bern. Im Rahmen des Agglomerationsprogramms Thun plant er die Entschärfung einer der gefährlichsten Stellen auf Stadtgebiet: Parallel zur Aare verläuft die täglich von über 20?000 Autos befahrene Hofstettenstrasse. 3,8 Millionen Franken will der Kanton nun ausgeben, um die Strasse zu sanieren, 1,5 Millionen davon alleine für neue Velostreifen auf beiden Seiten. Da für das Projekt unter anderem eine denkmalgeschützte Mauer verlegt werden muss, ist diese Sanierung in der Bevölkerung umstritten.
Auch die Velolobby ist sich uneinig. Während sich der ehemalige Leiter der Fachstelle Velo des Kantons Bern, Oskar Balsiger, für das Projekt einsetzt, sind die Thuner Pro-Velo-Leute im Zwiespalt. René Lüthi befürchtet, die Strasse sei zu stark befahren, als dass sich die Velofahrenden wirklich darauf trauten. Ausserdem werde dieses Projekt vor Ort als «grössenwahnsinnig» kritisiert, und das schade dem Image der Velofahrenden. Oskar Balsiger wehrt sich gegen diese «Verschiebung der Wahrnehmung»: Das Velo sei nicht an der ständigen Zunahme des Autoverkehrs schuld, und hier werde im Rahmen einer Strassensanierung auch etwas für das Velo gemacht. Am Ende der Aussprache zeigt sich, dass die Sanierung grundsätzlich unbestritten ist. Die Details dürften jedoch weiter zu reden geben.
Jubiläum
Zunächst aber darf Pro Velo Thun feiern und Bilanz ziehen. Zum 30-Jahr-Jubiläum produzierte der Regionalverband Reflektoren mit der Skyline von Thun und lud Unterstützer zu einem Buffet ein. René Lüthi ist überzeugt, dass die Velolobby in Thun viel erreicht hat. Trotzdem befürchtet er, dass die Errungenschaften oft vom Mehrverkehr zunichte gemacht würden. Die Arbeit wird dem Regionalverband deshalb auch in den nächsten dreissig Jahren nicht ausgehen.







