Unicum Helveticum

Tausende Hobbyradlerinnen und -radler feiern an Wochenenden auf motorfreien Strassen. Sommer für Sommer, seit Jahren, in allen Alpenländern – ausser der Schweiz. Wie ist das möglich?

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Dres Balmer
02.02.2017

Die Zeitschrift «Tour» präsentiert in ihrer Januarnummer zehn grosse Veranstaltungen für sportliches Velovolk. Die Auswahl reicht von Norwegen bis Italien. Es steigen aber auch Feste in Frankreich, Deutschland und Österreich. Die Schweiz kommt nur am Rand vor, mit einem Stücklein Transalp über den Berninapass. Sonst ist Helvetien ein weisser Fleck auf der Landkarte der europäischen Velofreuden. Nicht einmal das Alpenbrevet schafft es unter die Zehn.
Warum? Die Schweiz ist für den Gast aus einem Nachbarland teuer, und er soll im Restaurant auch noch fürs Hahnenwasser zahlen, ein weltweites Unikum. Wenn der Velogast also schon so viel Geld für Kost, Logis und die Teilnahme am Velofest hinlegt, erwartet er eine Gegenleistung. Dazu gehört die Sperrung der Stras­sen für den motorisierten Verkehr während des Anlasses. Europaweit ist das meist selbstverständlich, nicht aber in der Schweiz.
Wer Velo-Festivals wie Ardéchoise in Frankreich, Sellaronda in Italien oder Quebrantahuesos in Spanien mitmacht, kann kaum glauben, was da abgeht. Da finden sich 15?000 bis 20?000 Damen und Herren zum Velotreffen ein. Die Gäste freuen sich, und die Einheimischen machen ein gutes Geschäft. Während des ganzen Wochenendes sind Hotels und Campingplätze ausgebucht, in den Restaurants findet man kaum einen Tisch zum Essen, Hahnenwasser ist gratis. Die Strassen sind für das Velovolk reserviert, Radio und Fernsehen berichten und machen Werbung für die Region.
Wie ist die Stimmung in der Schweiz? Über das Alpenbrevet mit mehr als 2500 Velomenschen aus 30 Ländern an fünf Pässen berichten 2016 zwar die regionalen Medien, in den grossen Zeitungen der Städte ist über das Brevet kein Wort zu lesen. Wie weiter oben erwähnt, teilen bei der Transalp rund 1000 Menschen am Berninapass auf dem Velo die Strasse mit dem motorisierten Verkehr. Wenn aber auf derselben Strecke ein Autorennen mit 55 Boliden stattfindet, wird die Strasse gesperrt. Bei solchen Zahlenverhältnissen stimmt etwas nicht.
Lustig zu und her geht es auch im Gantrisch-Gebiet, 25 Kilometer südlich von Bern. Die Veloveranstaltung Gurnigel Panorama Classic führt mitten hinein in tolle Bergstrassen. Auch die werden während des Velofestes für den motorisierten Verkehr nicht gesperrt. Anders aber Anfang September: Da findet auf der gesperrten Strasse ein Autorennen statt. Weil die 15?000 Zuschauer mit dem Auto anreisen, werden zudem ganze Wiesen zu Parkfeldern eingezäunt. Das alles geschieht im Naturpark Gantrisch.
Nach all dem Gejammer nun eine positive Beobachtung: Licht an den Horizont bringen die Leute, die mit SlowUp und Freipass Pionierarbeit leisten und wohl noch eine Weile werden leisten müssen. Sie verdienen Bewunderung und Unterstützung, tausendfach.

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