Als die Migros 2014 Hauptsponsorin des wichtigsten Schweizer Fahrradfestivals, der Bike Days in Solothurn, wurde, wehrte sich in der Fahrradbranche niemand. Nun hat der Detailhandelsriese mit der Eröffnung seiner ersten drei Bike-World-Filialen in Volketswil, Muri bei Bern und Winterthur einen Frontalangriff auf den Velofachhandel lanciert, der bis 2021 auf die ganze Schweiz ausgedehnt werden soll.
Der versprochene Dienstleistungsumfang unterscheidet sich nicht mehr von dem eines guten Fahrradhändlers: kompetente Beratung von Velofahrer zu Velofahrer, Testfahrten, präzise Anpassung des Fahrrades, Umbauten und Reparaturen in der eigenen Werkstatt, Heimlieferung, alles möglichst ohne Wartezeiten und auf riesigen Verkaufsflächen. Mehr Kopfzerbrechen bereitet etablierten Fachhändlern jedoch, dass Bike World etliche beliebte Marken verkauft.
«Wir wurden von der Entwicklung eingeholt. Es war unser Ziel, einen branchenfremden Hauptsponsor für die Bike Days zu gewinnen», sagt Erwin Flury, OK-Präsident der Bike Days. Nach wie vor sei neben Migros auch deren Sporthandelskette SportXX als Event-Partner aktiv, und nicht etwa Bike World. Unter den Mitgliedern des patronierenden Branchenverbandes Velosuisse habe das zu keinen Kontroversen geführt.
Es wird eng
Was nicht erstaunt. Sämtliche Velosuisse-Vorstandsmitglieder beliefern die Migros oder SportXX und/oder Bike World. Auch Dirk Kurek, der Geschäftsführer von Komenda und Schweizer Importeur von Giant. Für den studierten Wirtschaftsinformatiker ein logischer Schritt: «Jetzt kommt die grösste Veränderung auf dem Schweizer Fahrradmarkt. Wenn Bike World die 15 bis 20 angekündigten Standorte eröffnet hat, wirds eng auf dem Markt. Setzt jede Bike-World-Filiale jährlich nur 3000 Fahrräder ab, sind wir bei 50?000 bis 60?000 Stück – oder rund 20 Prozent Marktanteil.» Kurek sieht die Bedrohung aber auch als Chance für den Fachhandel, professioneller zu werden und mit gutem Service wieder um jeden einzelnen Endverbraucher zu kämpfen.
Mit neuen Internetshops wappnen sich die Schweizer Importeure für den härter werdenden Konkurrenzkampf – unter Einbezug des lokalen Fachhändlers als Beratungs- und Bezugsquelle. Prominenteste Beispiele sind veloplace.ch und intercycle.com. Bei diesen Plattformen geht es nicht primär um den günstigsten Preis, sondern um die Befriedigung des Kundenbedürfnisses, online rund um die Uhr aus einer riesigen Auswahl wählen zu können. «Der Kunde kann entscheiden, wann, wo und wie er die gewünschte Ware bestellt und erhält: direkt nach Hause oder zu einem der angeschlossenen Fachhändler. Wenn ihm das Produkt nicht passt oder gefällt – kein Problem, Veloplace holt es wieder ab», erklärt Kurek, der die Plattform zusammen mit einem Händler und einem IT-Spezialisten aufgebaut hat. Inzwischen seien zehn Grossisten und 100 Fachhändler angeschlossen. Als Nachteile nennt er einzig die hohen Investitionskosten.
Auch bei Intercycle hat man einen Internetshop mit Fachhandelsanbindung installiert. Geschäftsführer Stephan Küng unterscheidet jedoch: «Bei uns kann sich der Kunde nur Teile nach Hause schicken lassen. Ganze Fahrräder werden ausschliesslich über den Fachhandel ausgeliefert.» Küng nennt eine klassische Situation, wo das Internetangebot zum Tragen kommt: «Ein Endkunde geht zum Fachhändler und will Ersatzpolster für seinen Helm bestellen. Kein grosses Geschäft. Wegen der Suche kann es aber zu einem grossen Aufwand werden. Hier schaffen wir Abhilfe. Die gewünschten Teile werden nach der Bestellung beim Händler direkt zum Kunden geschickt.» Das Ziel beider Plattformen ist Kundenbindung. Kurek sagt: «Steht der Kunde im Laden des Fachhändlers, soll das Geschäft nicht scheitern, nur weil die gewünschte Farbe gerade nicht vor Ort verfügbar ist.»
David gegen Goliath
Neu ist das Konzept freilich nicht. Eine Fülle von Anbietern mit Online-Shops und Filialauslieferung buhlt bereits um die Kundengunst: Brack, Microspot (Coop), Digitec/Galaxus (Migros). In der Velobranche ist Veloplus der Vorreiter. Deren Geschäftsführer Dominique Metz beobachtet die Aktivitäten der Migros mit gemischten Gefühlen. Er sagt: «Es ist wie ein Kampf David gegen Goliath.» Und er ärgert sich, denn die Migros hat für Bike World Veloplus eins zu eins kopiert und sogar versucht, Personal abzuwerben.
Martin Platter
22.05.2017







