Und sie drehen sich im Kreise

Unter der Bezeichnung U73 treffen sich Alt und Jung im Norden der Stadt Zürich, um dort einem gemeinsamen Hobby nachzugehen: dem Bahnradfahren.

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Pascal Meisser
Sport, 17.11.2011

Peter Kuhn kennt das Problem, andern Leuten die Faszination einer Radrennbahn näherzubringen. «Wer noch nicht auf einer Bahn gefahren ist, kann dies gar nicht nachempfinden», sagt der ehemalige Rennfahrer. Und doch geht es allen gleich: Wer einmal eine Runde auf dem Oval absolviert hat, kommt so schnell nicht mehr von der Faszination los.

«Bahnfahren hat etwas sehr Kontemplatives», sagt Kuhn schon fast etwas ehrfürchtig. «Wenn man Runde um Runde fährt, kommt man in einen ‹Flow› – ein richtiger Gegensatz zum Alltag.» Vor allem sei Bahnfahren ungefährlich. Die Fahrtrichtung – im Gegenuhrzeigersinn – ist vorgegeben: Keine Autos, die einem unvermittelt den Vortritt nehmen, keine Lastwagen, die einen im toten Winkel nicht sehen.

Und so kam es, dass Peter Kuhn eines Nachmittags auf der Offenen Rennbahn in Zürich Oerlikon die Idee hatte, mit Gleichgesinnten einen Verein zu gründen. Möglichst unkompliziert sollte er sein und eine originelle Bezeichnung haben. Das war vor sechs Jahren. Die Handvoll Leute riefen U73 ins Leben. U73 deshalb, weil man die U23-Kategorie der Rennfahrer auf die Schippe nehmen wollte. U73 aber auch, weil im Alter von 73 Schluss sein sollte – dachte man jedenfalls damals.

Begnadigung vor der Altersguillotine

Inzwischen steht das erste Mitglied vor der «Altersguillotine». «Wir werden ihn wohl begnadigen», schmunzelt Kuhn. Der Ostschweizer ist selbst noch lange nicht gefährdet. Er ist gerade mal 44 Jahre alt. Heute umfasst die Gruppe 20 bis 25 regelmässige Mitfahrer. Diese Truppe setzt sich vielfältig zusammen. Unter ihnen gibt es Velokuriere, ehemalige Radprofis wie Sergio Gerosa und Marc Locatelli, Journalisten wie Martin Born und Emil Bischofberger vom Zürcher «Tages-Anzeiger» sowie AS-Verlagsbesitzer Peter Schnyder.

Vereinstreff ist jeden Dienstagmittag und Donnerstagabend auf der Oerlikoner Rennbahn, dann wird nach Lust und Laune gefahren. Darin liegt der grosse Vorteil der Piste im Vergleich zur Strasse. Wer eine kurze Pause benötigt oder einfach so mal ein paar Minuten aussetzen will, hält nicht die ganze Velogruppe auf, sondern wartet im Innenraum der Bahn, bis seine Gruppe in regelmässigen Abständen an seinem Punkt vorbeifährt. «In der Regel reservieren wir die Bahn für drei Stunden, die meisten fahren aber nur 30 Minuten bis eine Stunde», so Kuhn.

Prinzipiell ist die Gruppe gegenüber neuen Mitfahrern offen – doch an Neulinge werden hohe Anforderungen gestellt. Wer auf der Bahn Runden drehen will, muss zwei Voraussetzungen erfüllen: Er muss den Bahnkurs absolviert haben sowie eine Jahreskarte für 250 Franken erwerben – selbst wenn er (oder sie) nur ein- oder zweimal pro Jahr in Oerlikon Runden drehen will.

Unkomplizierte Romandie

Die U73-ler machen aber auch Ausflüge und fah­ren hin und wieder nach Aigle, «wo alles ein bisschen unkomplizierter ist», wie Kuhn meint. Dort wird kein Vorweisen eines absolvierten Bahnkurses gefordert, und man benötigt auch keine teure Jahreskarte. Und Aigle biete erst noch ein deutlich besseres Bahn-Feeling.

Im Gegensatz zur 333 Meter langen Holzpiste in Oerlikon wird in Aigle auf einer Bahn des Radsport-Weltverbandes UCI gefahren: 200 Meter feinstes Zedernholz, auf dem die Räder fast widerstandslos rollen. «Zürich ist eher eine Bahn für die Steher», urteilt Kuhn. Man müsse über 60 Stundenkilometer schnell sein, um im richtigen Winkel durch die Kurven zu fahren. In Aigle hingegen genügen 35 bis 40 Stundenkilometer – für Hobbyfahrer alleweil ein ambitioniertes Tempo.

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