Unbeirrt und selbstbewusst

Pascale Schnider gewinnt sämtliche Meistertitel auf der Strasse und der Bahn – und verfolgt weiter ihren eigenen Weg. So will die Luzernerin auch weiterhin auf der Bahn Erfolge feiern.

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Pascal Meisser
Sport, 21.07.2011

Es war ein Sieg nach Ansage: «Ich will nun auch den Strassen-Meistertitel gewinnen», sagte Pascale Schnider, nachdem sie die Zeitfahren-Goldmedaille Ende Juni in Kirchdorf geholt hatte. Solche selbstbewussten Worte ist man sich im Schweizer Frauenradsport nicht gewohnt. In der Regel dominiert hier Zurückhaltung, selbst während der Rennen. Schnider hatte den Strassen-Titel 2010 knapp verpasst, als sie im Schlusssprint Emilie Aubry um Pneubreite unterlag.

Dieses Risiko wollte sie dieses Mal nicht mehr eingehen. Deshalb griff sie im letzten Aufstieg vor dem Ziel aus der klein gewordenen Spitzengruppe heraus an und erreichte das Ziel in Kirchdorf BE im Stil einer Championne solo – 17 Sekunden vor der zweitplatzierten Patricia Schwager und 38 Sekunden vor Bronze-Gewinnerin Jennifer Hohl.

Mit diesem Erfolg erreichte die Luzernerin drei Titel auf der Strasse und der Bahn in der gleichen Saison – das gab es in der Schweiz noch nie. Gleichzeitig löste sie mit ihren Erfolgen das Vakuum an der Spitze des nationalen Frauenradsports auf. Dieses verstärkte sich in den vergangenen eineinhalb Jahren, nachdem sich die alte, erfolgreiche Garde um Nicole Brändli, Priska Doppmann und Karin Thürig (die nur noch Triathlons bestreitet) aus dem aktiven Radsport zurückgezogen hatte.

Die 26-jährige Pascale Schnider aus Flühli im Entlebuch ist einer breiteren Öffentlichkeit bis anhin kaum bekannt. Das liegt in erster Linie daran, dass sie ihren eigenen Weg konsequent verfolgt. Sie weiss, was sie kann – und was sie nicht kann. Statt sich nach den jüngsten Erfolgen eine Weltklasse-Sportgruppe im Ausland zu suchen, bleibt Schnider lieber in der kleinen Schweizer Equipe von Bike-Import. «In einem ausländischen Team müsste ich meine Ambitionen unterordnen. Hier in der Schweiz habe ich mein gewohntes Umfeld und vor allem jene Freiheiten, die ich für meine sportlichen Ziele brauche», sagt Schnider.

Fernziel Olympische Spiele 2012

Und diese Ziele liegen für die Athletin, die von Swiss Olympic aus dem «Golden Talent»-Programm unterstützt wird, vor allem auf der Bahn. Ein Startplatz beim Omnium an den Olympischen Spielen in London 2012 bleibt weiterhin ihr grosses Ziel. Omnium nennt sich im Radsport-Jargon ein Gesamtklassement aus den vier Disziplinen Sprint, Punktefahren, Drei-Kilometer-Verfolgung und Ausscheidungsfahren. Doch noch sind die in einem Jahr stattfindenden Spiele im Kopf von Schnider weit weg. Zunächst gilt es, die Winter-Bahnsaison inklusive Bahn-Weltmeisterschaft vorzubereiten. Aus diesem Grund greift sie zu ihrem bewährten Rezept zurück, das ihr 2011 ihre bei weitem erfolgreichste Saison beschert hat: Sie fliegt für ein paar Wochen in ihre Wahlheimat Kalifornien.

«Ich fühle mich dort inzwischen zu Hause», sagt die Luzernerin, die bereits die letzten drei Winter in Kalifornien verbracht hat. Angetan hat es ihr vor allem die «relaxte Art der Leute», wie sie meint. Gerne erinnert sie sich an vergangenen November, als sie nichts mehr in der Schweiz hielt. Der temporäre Bürojob beim Team-Sponsor Bike-Import endete im Spätsommer, ebenso die lange Strassensaison.

Also flog Schnider nach San Francisco, um rund 120 Kilometer südlich, in der Nähe der 55?000-Einwohner-Stadt Santa Cruz, ihr Winterlager aufzuschlagen. Sie wohnte bei Freunden, die sie von früheren Aufenthalten her kannte, und genoss den «easy way of life». Dabei kam auch das Training nicht zu kurz. Während im heimischen Luzern Schnee und Kälte ein effektives Training verhinderten, standen bei ihr Schnelligkeitstrainings und intensive Ausdauereinheiten auf dem Programm – bei vorwiegend schönem Wetter und Temperaturen zwischen 15 und 25 Grad.

Zur Spitzenfahrerin gereift

«Man musste vor dem Haus nur die Strasse runterfahren, und schon war man mitten in Gruppen von Velofahrern», erzählte Schnider. Anschluss zu finden war also weder menschlich noch sportlich eine Schwierigkeit. Das merkte sie auch an den Rennen, die sie sporadisch auf Kaliforniens Strassen bestritt. «Wenn ein Start als Einzelfahrerin nicht möglich war, wurde ich unbürokratisch von einer heimischen Mannschaft als Gastfahrerin aufgenommen.» Und vielleicht ist es gerade diese Lockerheit, die das Talent zu einer nationalen Spitzenfahrerin reifen liess.

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