Übung macht die Meisterin

Beim Lady-Bike-Kurs können sich Frauen die Technik des Velofahrens in ruppigem Gelände aneignen – und lernen auch ein paar Tricks der mentalen Art. Ein Selbstversuch.

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Monika Hungerbühler
16.09.2014

Treffpunkt an einem Aprilabend ist der Veloplus mitten in Zürich City. Der Ort täuscht, denn ich brauche weder eine Ausrüstung noch einen City-Velokurs. Vielmehr habe ich mich entschlossen, zum Saisonstart den von Veloplus ausgeschriebenen Lady-Bike-Kurs zu besuchen. Mein Ziel ist klar definiert: Nachdem ich letztes Jahr bei meinen ersten Biketouren die Hälfte der Trails zu Fuss absolviert habe, soll sich das ab sofort ändern. Velofahren kann ich, die Technik des Bikens über Absätze und grosse und manchmal nasse Wurzeln stellt mich aber vor erhebliche Schwierigkeiten, vor allem mentaler Art. Ich gehöre als fünfzigjährige Frau definitiv nicht zu den waghalsigen Youngstern, deren Stürze mit nachfolgendem unbeschwertem Wiederaufstehen in diversen Youtube-Filmchen zu bewundern sind. Also erhoffe ich mir nicht nur sachliche Technikin­struktionen, sondern auch Fortschritte in Sachen Furchtlosigkeit.
Franziska und Marianne, zwei aktive Mountainbike-Guides von Züritrails, begrüssen unsere achtköpfige Frauengruppe und führen mit uns zunächst einen individuellen Bike- und Ausrüstungscheck durch. Bremsen, Schaltungen und Federgabeln sollen richtig eingestellt sein, damit wir uns im Gelände voll auf die Fahrtechnik konzentrieren und unserem Bike vertrauen können. Nicht alle von uns sind Neulinge, und wir sind auch mit unterschiedlichen Motivationen hier. Gemeinsam ist uns die Vorfreude auf coole Bike-Erlebnisse mit Freunden und Kolleginnen, und dafür sind wir gern bereit, in die Schule zu gehen.
Der Praxisteil des ersten Abends führt uns noch nicht auf den Berg oder in den Wald, sondern zum Pumptrack hinter dem Einkaufszentrum Sihlcity, wo sich auch das Vereinsgelände von Züritrails befindet. Wir lernen, gezielt und auf den Punkt zu bremsen, erfahren im Selbstversuch, was passiert, wenn mit voller Kraft nur die Vorderbremse gezogen wird, erlernen die Technik des Vorderrad-Anhebens (etwas, was ich in meiner 30-jährigen Velopraxis nie gebraucht habe, sehr zum Erstaunen meiner halbwüchsigen Jungs, für die das überhaupt kein Problem darstellt ...) und vieles mehr. Dann gehts ab auf den Pumptrack, auf den ich mich wohl alleine nie getraut hätte. Mit der Frauengruppe machts aber richtig Spass, auch wenn wir nicht auf Anhieb alle Buckel meistern.

Ab in den Wald
Am nächsten Kursabend gilt es ernst – wir werden am Zürichberg in die Kunst des Trailfahrens eingewiesen. Dank der kleinen Gruppe und unseren zwei professionellen Guides werden wir hervorragend betreut. Wir verbinden das eigentliche Biken immer wieder mit Übungen. So gilt es, die Stufe beim Waldhüsli elegant mittels Hochheben des Vorderrades zu überwinden, schliesslich sollen wir gemäss Kursleiterin Franziska nicht wie die «Pflöcke» an die Hindernisse heranfahren. Auch das Kurvenfahren auf Schotter oder das Anfahren an sehr steilen Abschnitten stellt nach einigem Üben kein grosses Problem mehr dar.
Am steilsten Abschnitt am Rand des Pumptracks Zürichberg müssen sich dann ein paar von uns schon ziemlich überwinden, zumal der Boden ziemlich aufgeweicht und schmierig ist. Hier lernen wir dann auch das Wichtigste überhaupt: Frau entscheidet sich vor dem Hindernis, ob sie sich getraut, es zu fahren oder nicht. Falls ja, dann nichts wie los und nicht mehr zögern! Auf dem Hindernis zu bremsen oder gar versuchen anzuhalten, ist ein No-Go, ein Sturz über den Lenker wäre wohl die Folge. Cool, diese Herausforderungen in der kameradschaftlichen Frauengruppe anzugehen. Wir ermutigen uns gegenseitig, machen uns aber keinen Stress.
Zum Abschluss des Kurses nehmen wir uns den Adlisberg-Trail vor – eine Strecke, auf der wir nochmals alle Elemente üben können: Wurzelpassagen, kleine und etwas grössere Absätze, steile Passagen und enge Kurven. Die Jüngeren von uns haben logischerweise weniger Mühe. Offenbar wird man mit zunehmendem Alter schon etwas vorsichtiger, es lohnt sich jedoch, ab und zu Mut zu fassen. Das Gefühl, eine schwierige Passage erfolgreich gemeistert zu haben, ist erhebend für das Selbstwertgefühl und steigert die Vorfreude auf die Sommer-Bike-Saison enorm.
Nun, da der Sommer vorbei ist, lässt sich rückblickend sagen, dass der Kurs ein voller Erfolg war. Ganz ohne Schiebepassagen gehts zwar immer noch nicht, sie wurden aber deutlich reduziert. Gewisse Mantras wie «immer vorausschauen» oder mein Lieblingsmotto «speed ist your friend» begleiten mich auf allen Trails und lassen mich mutiger werden.

www.veloplus.ch

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