Er stellt sich mit «Wisi» vor, streckt zur Begrüssung seinen Stumpen entgegen – das rund 15 Zentimeter lange Stück linker Arm, das ihm geblieben ist – und sagt, den Kopf Richtung Haus drehend: «Komm rein!» Vor dem grossen Wohnhaus, in dem seine Familie und auch seine Eltern leben, steht Wisis Dreirad-Liegevelo, daneben stehen sechs weitere Fahrräder, das seiner Frau und die der gemeinsamen vier Kinder. «Wir gehen gerne wandern oder Velo fahren. Ohne Hände mit einem Zweirad auf der Strasse zu fahren, ist aber nicht ideal.»
Also hätten sie sich schlau gemacht und seien auf den Velociped-Laden in Kriens gestossen, wo der Tüftler und velojournal-Technikredaktor Marius Graber ein Dreirad-Liegevelo so umzubauen wusste, dass Wisi Zgraggen es steuern kann: «Nicht mit den Händen unter dem Sitz, sondern mit einer Schulterlenkung. Und dann gab es noch die Herausforderung, dass Schalten und Rücktritt mit den Füssen machbar sein mussten. Das funktioniert jetzt gut.» Das Velo – ein Hase Bike – sei ein umgebautes Serienmodell, sagt der kräftige 36-Jährige. «Meine Frau Angelika hat es mir vor sechs Jahren zum 30. Geburtstag geschenkt.»
Der Unfall, bei dem Wisi Zgraggen beide Arme verlor, ereignete sich am 16. Oktober 2002. 25 Jahre war er damals alt, der Hof gehörte noch den Eltern. Der Vater und er pressten an jenem Tag Siloballen. Als bei der Rundballenpresse plötzlich etwas klemmte, wollte Wisi den Defekt schnell beheben, bei laufendem Motor. Er stolperte, die Walze zog seinen rechten Arm rein. Er versuchte sich zu befreien, fiel erneut hin, die Walze zog auch seinen linken Arm rein. Und rieb in den nächsten Minuten beide Arme ab.
«Sicher ist aber, dass der Herrgott mir von all seinen Schutzengeln den besten geschickt hat.»
Wisi Zgraggen
Als sein Vater zu Hilfe kam, gab Wisi ihm genaue Anweisungen – er solle den Motor ab- und wieder anstellen, mehrmals. «Nur so konnte er mich befreien. Ich war absolut klar im Kopf, auch danach, bis die Rega kam. Und ich blutete kein bisschen, vermutlich weil durch die Reibung die Blutgefässe geschlossen wurden.» Ganz genau wisse er es nicht. «Sicher ist aber, dass der Herrgott mir von all seinen Schutzengeln den besten geschickt hat.»
Zurück an der Ballenpresse
Wisi Zgraggen erzählte die Geschichte schon «mehrere tausend Mal». Das fing im Spital an: «Ich erhielt sehr viel Besuch. Und alle wollten genau hören, was passiert ist. Erst im Nachhinein realisierte ich, dass das darüber Reden mir sehr geholfen hat, das Ganze zu verarbeiten. Ich war ja selber schuld und musste lernen, mir zu verzeihen.» Elf Jahre später, am Küchentisch sitzend, mittlerweile Vater von drei Söhnen und einem Mädchen, wisse er viel besser, was wichtig sei im Leben, sagt der attraktive blonde Mann.
«Der Unfall hat mich geerdet. Ich habe zuvor die Arbeit über alles gestellt. Es gab Mittage, wo ich nicht mal hingesessen bin. Das darf eigentlich nicht sein.» Heute nehme er sich mehr Zeit für die Familie, «sie ist es, die mich getragen hat in diesen Jahren. Zuerst musste schon ich wollen; Angelika und das Umfeld mussten sehen, dass ich will. Man kann jemanden, dem es schlecht geht, nicht ohne dessen eigenen Willen aus dem Loch ziehen.»
Noch an der Unfallstelle, auf die Rega wartend, habe er zu seinem Vater gesagt, er wolle den Hof trotzdem übernehmen, mit der Umstellung von Milchwirtschaft auf Mutterkuhhaltung sollte das möglich sein. Und genau so haben sie es dann auch gemacht. Heute sind es die kleinen irischen Dexterrinder, mit denen Wisi auf dem Bielenhof bei Erstfeld hauptsächlich wirtschaftet. Das Fleisch verkauft die Familie direkt an Private und ab und zu ans Hotel Tiefenbach auf dem Furkapass.
«Wir lernen hier früh Velofahren, auch meine Kinder jetzt. Mein Jüngster radelte schon als Dreijähriger auf dem Hofgelände herum.»
Wisi Zgraggen
Seit 2008, als sein Vater einen schweren Beinbruch hatte, bedient Wisi wieder alle Maschinen auf dem Hof, bis auf eine: «Für die Einachsmaschine, die man am Berg einsetzt, braucht es beide Hände. Aber mit der Rundballenpresse arbeite ich auch wieder.»
Zum Bielenhof führt eine schmale Strasse, die der Bauer in- und auswendig kennt. Schon als kleines Kind ist er an den Schultagen viermal pro Tag mit dem Velo hin- und hergefahren. «Wir lernen hier früh Velofahren, auch meine Kinder jetzt. Mein Jüngster radelte schon als Dreijähriger auf dem Hofgelände herum.» Es sehe vielleicht etwas seltsam aus, so kleine Knirpse ganz alleine auf dem Velo unterwegs, lacht Wisi Zgraggen.
Und dann sagt er, ganz ernst, weil dieser Text hier ja für ein Veloheft geschrieben wird, und weil auf dieser schmalen Strasse, die von seinem Hof nach Erstfeld führt, auch die nationale Nord-Süd-Veloroute verläuft: «Manche Velofahrer haben das Gefühl, ihnen gehöre die Strasse. Vor allem die Sportfahrer. Selten hält einer kurz am Rand der Strasse an, um Platz zu machen.» Jammern ist aber eigentlich nicht sein Metier – viel lieber macht er anderen Mut. Und dafür benötigt er nicht viele Worte, man braucht ihn bloss anzuschauen.
www.bielenhof.ch, www.dexterzucht.ch







