Weltweit gibt es wohl kaum geeignetere Orte für ein autofreies Leben als in den grossen Schweizer Städten: Die Distanzen sind kurz, und der öffentliche Verkehr bietet ein gut ausgebautes Streckennetz mit dichten Fahrplänen. Offensichtlich sieht dies auch eine Mehrheit der Bewohner und Bewohnerinnen so: Die Stimmberechtigten von St.Gallen und Zürich haben die Städte-Initiativen angenommen. In Luzern, Winterthur und Basel stimmten sie für Gegenvorschläge, die eine Reduktion des motorisierten Verkehrs und die Erhöhung des Velo- und ÖV-Anteils vorsehen.
Wunsch und Realität
In Zürich wurde das Ziel der 2000-Watt-Gesellschaft sogar in der Verfassung verankert. Samuel Bernhard, Geschäftsleiter des Clubs der Autofreien (CAS), erklärt, was dies konkret bedeutet: «Den motorisierten Individualverkehr reduzieren und ersetzen mit Fuss-, Velo- oder ÖV-Kilometern». Die Zürcherinnen und Zürcher müssten ihren Energieverbrauch um die Hälfte und die CO2-Emissionen um 80 Prozent reduzieren. Die Umsetzung dieser politischen Postulate ist deshalb problematisch. Auch ökologisch gesinnte Zeitgenossen verzichten ungern ganz aufs Auto. Jede Einschränkung der freien Mobilität stösst zudem sofort auf ein Sperrfeuer von bürgerlichen Parteien, Gewerbeverbänden und konservativen Leitmedien wie der NZZ, welche den «fehlenden Realitätssinn» der Behörden beklagen.
Real ist hingegen, dass gerade das autofreie oder autoarme Wohnen ein zentraler Baustein für die 2000-Watt-Gesellschaft sein kann und muss. Rund die Hälfte der schweizweit erzeugten Personenkilometer entfällt auf die Kategorie Wohnen. Die Diskussion in Zürich hat im vergangenen Jahr neuen Schub erhalten: Im Herbst veröffentlichten Fussverkehr Schweiz und der Club der Autofreien Schweiz zusammen mit dem städtischen Tiefbauamt, dem VCS und dem Verband für Wohnungswesen eine Studie zum «verkehrs-sparenden» Wohnen.
Ökologische Siedlungen
Die Studie untersuchte sieben Siedlungen in der Stadt Zürich. Deren Bewohner leben mehrheitlich autofrei und verbrauchen deutlich weniger Energie als der Stadtzürcher Durchschnitt. So besitzt nur gerade knapp ein Viertel ein Auto, was der Hälfte des schweizerischen Mittelwertes entspricht. Ausserdem sind doppelt so viele Personen Mobility-Mitglied wie im Schweizer Durchschnitt, und es stehen deutlich mehr Velos zur Verfügung. Um das autofreie Wohnen weiter zu fördern, soll in Zürich das Carsharing-Angebot in den Siedlungen ausgebaut und ihre Anbindung an das Velowege-Netz verbessert werden.
Es ist jedoch gerade auch das geringe Parkplatzangebot in den Siedlungen, das Anreize für ein Leben ohne Auto schafft. Thomas Schweizer, Geschäftsleiter Fussverkehr Schweiz, erklärt, die untersuchten Siedlungen seien zu einem Zeitpunkt erbaut worden, als noch keine Mindestzahlen für Parkplätze vorgeschrieben waren. «Dennoch ist kein markanter Mangel an Parkplätzen auszumachen», stellt er klar. Die neue Zürcher Parkplatzverordnung erlaubt es deshalb, weniger Mindestparkplätze für Autos zu bauen. Gleichzeitig wurde das Minimum an Veloparkplätzen erhöht.
Abbau von Parkplätzen
Speziell der Abbau von Parkplätzen auf städtischem Gebiet wird jedoch weiterhin auf den politischen Widerstand der Bürgerlichen treffen. Nach der neuen Parkplatzverordnung sind rund 16?000 Parkplätze auf Zürcher Stadtgebiet überzählig. Im Rahmen einer jüngst lancierten Umfrage unter 1600 MieterInnen will die Zürcher Liegenschaftenverwaltung nun Klarheit schaffen über deren Mobilitätsverhalten. Prompt protestierten bürgerliche Exponenten. Der FDP-Gemeinderat und Direktor des Zürcher Hauseigentümerverbandes, Albert Leiser, äusserte gegenüber dem «Tages-Anzeiger» den Verdacht, es gehe darum, mit dieser Umfrage einen weiteren Parkplatzabbau zu legitimieren, was wohl nicht gänzlich von der Hand zu weisen ist.
Neben politischen stehen dem autofreien Wohnen möglicherweise juristische Hindernisse im Weg. Die Stadt Zürich baut gegenwärtig an der Kalkbreite die erste autofreie Siedlung. Bewohner müssen sich im Mietvertrag dazu verpflichten, auf ein eigenes Auto zu verzichten. Ob dieser Passus rechtlich zulässig ist, ist gegenwärtig Gegenstand von Debatten. Bis es so weit ist, macht man in Zürich trotzdem vorwärts: Im Leutschenbach-Quartier, auf der Kronenwiese und im Sihlbogen sind immerhin «autoarme» Siedlungen mit einer unter dem Minimum liegenden Parkplatzzahl in Planung oder bereits im Bau.







