Traum aller Autofans

Bei den Abstimmungen will die Mehrheit hin zur 2000-Watt-Gesellschaft. Doch so wie es aussieht, wollen die meisten dafür nicht das Velo benutzen, sondern das Auto.

Nicole Soland, Autorin
Kommentar, 28.03.2012

Es ist ja schon seltsam: In jedem zweiten Wohnungsinserat steht entweder «an Nichtraucher» oder «keine Haustiere», und niemand stört sich daran. Aber wenn in Zürich eine neue Wohnsiedlung für autoarmes Wohnen geplant ist, dann lässt sich die «NZZ am Sonntag» nicht zweimal bitten: «Die Zürcher Stadtregierung betreibt mit grossem Aufwand die ökologische Erziehung ihrer Bürger. So führt diese Stadt seit Langem einen verbissenen Kampf gegen das Auto. Neuerdings werden gewisse Wohnungen nur noch an Leute vermietet, die schriftlich ihren Verzicht auf den Ottomotor erklären.» Meine erste Reaktion: Schade, wurde die Glosse erst in der Ausgabe vom 4. März gedruckt. Sonst hätte wenigstens die Basler Fasnacht etwas davon gehabt …

Doch Spass beiseite: Was die «NZZ am Sonntag» als Ausdruck kranker Züri-Hirni beschreibt, ist ein im Entstehen begriffenes neues Quartier. In diesem sollen die Ziele der 2000-Watt-Gesellschaft erprobt werden, zu denen 76,4 Prozent der Stadtzürcher Stimmberechtigten am 30. November 2008 Ja gesagt haben. Niemand wird gezwungen, dort zu wohnen. Und autoarme Siedlungen gibt es übrigens andernorts schon. Beispielsweise in Bern Bümpliz.

Aber in Zürich ist halt alles ein bisschen grösser als anderswo. Auch das Geschrei. Da können die ZürcherInnen die Umverkehr-Initiative, die neue Parkplatzverordnung und die 2000-Watt-Gesellschaft mit bis zu Zweidrittelsmehrheit annehmen, so oft sie wollen: Die Bürgerlichen lassen nicht locker und führen ihren verbissenen Kampf weiter. Ihr einziges Ziel: das Auto durch alle Böden hindurch zu verteidigen.

Auf Fotos aus den Fünfzigerjahren sind oft ganze Massen von VelofahrerInnen zu sehen, egal ob am Bellevue oder auf dem Bundesplatz. Dann kam das Auto. Es wurde zum Statussymbol, und die Mehrheit wollte ihm den ganzen verfügbaren Platz auf der Strasse zuschanzen. Heute haben viele Menschen die Nase voll von all den Stinkern und Lärmern auf der Strasse. Aber wehe, sie sagen das nicht nur laut, sondern stellen auch noch nüchtern fest, dass es sich in der Stadt ohne Auto einfach besser leben lässt: Flugs werden ihnen Umerziehungsgelüs­te unterstellt. Und das verstehe ich beim bes­ten Willen nicht.

Eigentlich müssten wir VelofahrerInnen mit Handkuss willkommen geheissen werden: So wenig Platz, wie wir brauchen, müssten wir doch der Traum aller Autofans sein. Je sparsamer wir sind, desto mehr können sie klotzen, oder? Aber nein, die hacken lieber auf uns rum.

Doch zum Glück gibts noch das Bundeshaus. Las ich doch kürzlich in mehreren Zeitungen die fast gleich formulierte Überschrift folgenden Inhalts: «Bundesrat beschliesst Helmpflicht für Elektrovelos.» Ein gemütliches Morgenründchen lang amüsierte ich mich auf meinem nichtmotorisierten Zweirad bestens, indem ich mir vorstellte, wie wohl ein Elektrovelo-Helm aussieht, und vor allem, wie man ihn dem armen Ding anzieht: Über die Batterie streifen? Als Schutzschild am Lenker montieren? Oder …? Item: Merci, Bärn, dass du uns gspässigen ZürcherInnen wenigstens etwas fürs Gemüt gönnst!

Nicole Soland ist Redaktorin bei der Zürcher Wochenzeitung «P.S.».

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