Trampeln für die Mühle

Eine Velotour durch die Mongolei brachte den 40-jährigen Elektroingenieur Thomas Wieland auf den Geschmack des einfachen Lebens. Und Beobachtungen machten ihn zum Erfinder — etwa des Polentavelos.

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Esther Banz
02.02.2015

Vom Stade de Suisse in Bern Wankdorf sind es nur fünfzehn Minuten zu Thomas Wielands provisorisch eingerichtetem alternativen Fitnesscenter. Interessierte kommen von nah und fern hierher, um seine «Produktionshalle», wie er sie nennt, zu sehen. Auch Leute von der Zürcher Genossenschaft Kalkbreite waren schon da, um die drei Geräte zu sehen: zwei Ergometer zum Draufsitzen und Radeln und einen Crosstrainer. Mehr nicht. Aber vielleicht ist dies der Fitnessraum der Zukunft.

Alle drei Geräte hat Wieland günstig im Brockenhaus erstanden und mit einem Ingenieurkollegen zu dem gemacht, was sie nun sind. Der 40-jährige Erfinder setzt sich auf einen der beiden Fahrrad­trainer und beginnt zu radeln. Sofort erfüllt ein lautes Rattern den hellen Raum, denn das Standfahrrad ist nicht einfach nur zum Verbrennen von Kalorien da. Das Gerät gibt die ­Energie nämlich weiter an eine mit ihm verbundene Mühle. Dort wird aus Maiskolben, die Wieland selber gezogen hat, Maisgries, aus dem schliesslich Polenta gekocht wird. Der Berner ist bestimmt nicht der Einzige, dem es beim Anblick sich ertüchtigender Menschen auf Fitnessgeräten immer wieder komisch erscheint, dass diese Leute Produkte konsumieren, an deren energieintensiven landwirtschaftlicher Herstellung sie nicht beteiligt sind – und gleichzeitig überschüssige Energie auf Fitnessgeräten loswerden müssen. Aber er ist wohl einer von wenigen, die dieser Feststellung Taten folgen liessen. Man braucht dem Elektroingenieur nicht vorzurechnen, wie spärlich die Energie tatsächlich ist, die ein Mensch freizusetzen imstande ist. Wieland rechnet gleich selber vor: «Ein Mensch braucht beispielsweise etwa 100 Stunden körperliche Arbeit, um die Energie von einem Liter Erdöl zu produzieren. Dennoch: Ein 0,25-Liter-Fläschchen Rapsöl füllen wir in hier in einer Viertelstunde.»

Eine einfachheit, die Stimmt
Der Eintritt in seine Produktionshalle ist gratis, offen steht sie jeweils einen Abend die Woche. Wer radelt, bekommt den Mais oder das Rapsöl – an das zweite Fahrrad ist eine Ölpresse angeschlossen – günstiger, und zusätzlichen Rabatt gibt es, wenn jemand den Behälter selber mitbringt. Schliesslich geht es dem Erfinder nicht nur um die Produktion von Lebensmitteln, sondern um einen Bewusstseinswandel. Etwas gegen die allgemeine Verschwendung von Energie und Lebensmitteln tun – das treibt ihn an. Auf lange Sicht erhofft er sich grössere Umwälzungen in der Gesellschaft. «Diese Maschinen sind für mich eine Art Symbol für den Übergang von einer Konsumgesellschaft zu einer nächsten Stufe von Gesellschaft, die wieder kreativ und mit Freude bei vielen Herstellungsprozessen dabei ist – und dadurch auch weniger konsumieren wird, da sie weiss, wie viel Aufwand in den Produkten steckt.»

Zusammen mit einem Ingenieurkollegen hat Wieland nebst dem mahlenden respektive pressenden Rad­trainer auch eine solarbetriebene Dörrmaschine im Grossformat entwickelt, die serientauglich ist. Mit ihr können in grossen Mengen Früchte schonend und umweltfreundlich gedörrt werden. «Mir war schon länger aufgefallen, wie viele Hochstammbäume nicht abgeerntet werden, Tonnen von Äpfeln, Birnen, Zwetschgen lässt man verfaulen. Der Überfluss in unseren Breitengraden ist unfassbar.»

Als er im Auftrag eines multinationalen Unternehmens in China arbeitete, erlebte Wieland die Ungleichheit geradezu physisch: «Während ich im warmen Raum vor meinem Computer sass und ein Heidengeld verdiente, mussten die Arbeiter, die für dieselbe Sache doppelt so lange und doppelt so hart arbeiteten, in ihren ungeheizten Hütten schlottern.» Später machte er eine viermonatige Fahrradtour durch die Mongolei. Er erlebte «eine Einfachheit, die gut ist, die stimmt. Dann, am Ende der Reise, kamen wir in Peking an, wo selbst bei klarem Wetter die Sonne nur schemenhaft erkennbar war, als sei sie der Mond.» Zu sehen, was unser Wohlstand in anderen Teilen der Erde für Konsquenzen hat, führte ihn «in einen Zwiespalt, den ich auf die Dauer nicht ausgehalten hätte». Noch kann Thomas Wieland nicht von seiner Vision und seinen Erfindungen leben. Der werdende Vater arbeitet teilzeit in einem Spital, wo er bei Patienten die Feineinstellung von Hörgeräten macht. Er will sich auch nicht übernehmen. «Das wäre doch absurd», lacht er, «wenn ich auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit zusammenbrechen würde.»

www.gmüesesel.ch

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