Tablet-Computer am Velolenker?

Vier verschiedene Systeme von Leihvelos existieren in der Schweiz. Von einer einheitlichen Lösung sind wir noch weit entfernt. Und schon zeichnet sich eine nächste Technologie-Generation ab – mit noch mehr Computertechnik am Velo.

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René Hornung
06.02.2013

Basel, Bern und Zürich – in keiner der grossen Deutschschweizer Städte gibt es bis jetzt ein öffentliches Veloverleihsystem, wie es weit grössere Städte wie Paris, Barcelona oder Kopen­hagen kennen (siehe vj 5/2012). In der Deutschschweiz wird noch evaluiert, und immer wieder werden die Pläne durch Finanzierungsprobleme oder technische Neuerungen über den Haufen geworden.
Wer in der Schweiz die Mobilitätskette öV und Velo nutzen will, ist wesentlich schlechter bedient als die Nutzer von öV und Auto. Zwar existieren in verschiedenen Regionen bereits unterschiedliche Veloverleihsysteme, doch bis anhin muss man sich bei jedem einzeln registrieren, um sie nutzen zu können: Velopass läuft in der Region Lausanne, Publibike von Postauto ist in verschiedenen Orten im Aufbau begriffen, Velospot funktioniert in Biel und Nextbike in der Region Luzern – jedes System funktioniert mit einer eigenen Technik. Eine Chipkarte, die wie bei Mobility alle Autos öffnet und schliesst, gibt es für Leihvelos noch nicht. Allerdings hat letztes Jahr die zu Postauto gehörende Firma Publibike das System Velopass in der Region Lau­sanne gekauft und angekündigt, ein gemeinsames Zugangssystem zu entwickeln.

Technologiesprung
Während die Deutschschweizer Städte noch evaluieren, ob sie eines der existierenden Systeme einführen wollen, ist bereits die nächste Technologie-Generation im Anrollen. Der Schweizer Velohersteller von Simpel.ch, Philip Douglas, hat sein Ridebox-System schon vor einigen Monaten vorgestellt (ebenfalls vj 5/2012). Kernpunkt seiner Überlegungen: Antrieb (mit oder ohne Elektromotor), Bremsen und Schloss werden zwischen Tretlager und Hinterradachse in eine sichere Box verpackt, und dort hinein kommt auch die elektronische Steuerung, die bis jetzt in die Stelen der Verleihstationen eingebaut ist. Das Gefährt bekommt auch einen GPS-Tracker, der jederzeit melden kann, wo ein Velo fährt oder steht.
Dieses Frühjahr starten zwei Pilotprojekte mit je sechs E-Bikes, in denen bereits Teile dieses Konzeptes umgesetzt werden können. Eines in Zürich, wo Studierende der ETH zwischen den Schulstandorten im Stadtzentrum und auf dem Hönggerberg hin- und herfahren können, und ein zweites an der Hochschule Wädenswil. Die Velos sind «Paperbicycle» mit zentralem Mittelmotor – eine Entwicklung von Velobility, einer speziell von Douglas für diesen Bereich gegründeten Firma. Neu ist auch, dass die «Ladelogik» im E-Bike selbst eingebaut ist und nicht im Ladegerät. Die Software wurde von Electric Feel, einer ETH-Spinoff-Firma, entwickelt. Wer sich einmal registriert hat, kann mit der Studenten-Legi ein Velo abholen und zurückgeben. Speziell für dieses Projekt wurde ein Trägerverein mit engagierten ETH-Studenten gegründet. Das System soll nun getestet und weiterentwickelt werden.
Die Ridebox macht auch Verleihsysteme mit «normalen» Velos ohne fixe Station möglich. Über eine App auf dem Smartphone liesse sich der Standort eines freien Velos ermitteln. Nur wenn die Akkus von E-Bikes aufgeladen werden müssen, braucht es noch Stelen mit Strom­übertragung.

Kopenhagen entscheidet sich für GoBike
Keinen Erfolg hatte Philip Douglas allerdings beim Wettbewerb um das neu aufzubauende Verleihsystem in Kopenhagen, wo 3500 neue Velos in Betrieb genommen werden sollen. Das Rennen machte dort GoBike mit Velomodellen von «Urbikes»: mit Kardanwelle, luftlosen Reifen, einer hydraulischen Sattelverstellung – und einem Tablet-Computer am Lenker.
Die «Urbikes» stammen von einem Designerteam aus Rubi bei Barcelona. Sie hätten – so schildern sie auf ihrer Homepage – an einem Regentag im Jahr 2005 beim Bier in der Bar «Pàmpol» die Idee dieses Stadtvelos entwickelt. Edu Sentis ist der Gründer und Chef von Edse Inventiva, der De­signschmiede, die schon seit zehn Jahren an Velos arbeitet – «mit der klaren Vision, den nachhaltigen Verkehr zu fördern», wie er betont. Aus den Entwürfen ist auch das Unternehmen Modular entstanden, das Abstell- und Parkieranlagen für Velos herstellt. Über 10?000 wurden an Private und an verschiedene Städte bereits verkauft. Aufgefallen ist Modular mit dem relativ kleinen Vorderradständer. Die «Urbikes»-Velomodelle, die in Kopenhagen zum Einsatz kommen sollen, gibt es  seit vier Jahren, bis heute ohne Elektromotor und mit einem Stahlrahmen. «Urbikes» fahren in verschiedenen Städten in Katalonien sowie in Kroatien. Und die Velos wurden – inzwischen auch in der E-Bike-Version – mit zahlreichen internationalen Designpreisen ausgezeichnet.
Das von Kopenhagen ausgewählte GoBike-System basiert massgeblich auf den Designideen aus Barcelona, doch weder die neuen «Urbikes» mit Alu-Rahmen und Motor noch die Dockingstationen werden in Spanien gebaut.

Bordcomputer als Alleskönner
Gespannt wartet man vor allem auf Berichte darüber, ob sich die Bordcomputer in Form von Tablets am Lenker bewähren werden. Über diese melden sich Nutzerinnen und Nutzer im Verleihsystem an und ab. Hier soll aber auch ein Ziel eingegeben werden können, woraufhin die beste Route angezeigt wird. Velos sollen direkt über die Tablets oder über eine App auf dem Smartphone reserviert werden können. Die Bordcomputer sind angeblich vandalensicher.
Das Konzept hat auch die Planungsfachleute in Zürich begeistert, die dort an der Planung des Verleihsystems arbeiten. Bis jetzt gibt es in Kopenhagen allerdings erst einige wenige Prototypen. Philip Douglas bleibt noch skeptisch: GoBike habe in Kopenhagen mit einem Konzept gewonnen, das es so noch nirgends gibt. Wann das System aber wirklich laufen werde, sei noch unklar. Er hegt auch gewisse Zweifel, ob alles klappt, zumal kein finanzkräftiger Player mitmache.

Verleihsystem in Kopenhagen

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