Subversive Leichtigkeit

Das Auto ist viel schwerer als der Mensch, das Velo deutlich leichter. Obwohl diese Feststellung an den Grundfesten des Mobilitätsdenkens rüttelt, lässt der Sieg der Leichtigkeit auf sich warten.

no-image

Dres Balmer
11.09.2017

Als ich an einem Sommertag durch das Seeland radle, überholt mich ein Auto der Marke Citroën «Méhari». Nur noch selten erblickt man dieses geniale, 500 Kilogramm leichte, auf reine Funktionalität reduzierte Auto. Es regt an zu allerlei Rechnungen.

Schätzen wir, der Fahrer wiege 70 Kilogramm, dann ist sein «Méhari» sieben Mal schwerer. Wenden wir die Rechnung an auf die in der Schweiz populären Zwei-Tonnen-Kisten, ergibt sich, dass die Karre dreissig Mal schwerer ist als der Mensch am Steuer.

Die Absurdität solcher Verhältnisse ist seit den 70er-Jahren Normalität. Der Mensch panzert sich vor steigender Motorleistung, Geschwindigkeit und Masse ein, was zu einem allgemeinen Wettrüsten von reichen Autofans gegeneinander führt. In dieser Kraftprobe haben Autoindustrie und Benutzer das vermeintliche Recht des stärker motorisierten Menschen, also der physikalischen Gewalt, durchgesetzt.

Eine andere Art mobilen Kräftemessens beschreibt der Philosoph Ivan Illich (1926–2002) in seinem Buch «Die sogenannte Energiekrise oder Die Lähmung der Gesellschaft» (Rowohlt-Verlag 1974). Den weitreichenden gesellschaftlichen Möglichkeiten des Velos widmet er ein spannendes Kapitel. Mit Blick auf den ausgehenden Vietnamkrieg beschreibt Illich den «grausamen Wettkampf zwischen Fahrrad und Motor».

Er vergleicht den gigantischen materiellen Aufwand  der «hyperindustrialisierten» US-Kriegswalze mit den einfachen Mitteln der «auf Grund der Fahrradgeschwindigkeit organisierten» Vietnamesen. Da spielen Tausende simple Velos und ihre Fahrer im Kampf und beim Nachschub eine entscheidende Rolle für den Triumph von David über Goliath; 15 Kilogramm Fahrrad besiegen 150 Tonnen B-52-Bomber. Illichs leise Hoffnung, der Siegeszug des Velos werde sich in Vietnam zu Friedenszeiten fortsetzen, erfüllt sich in den folgenden Jahren nicht. Das Land erstickt heute im Motorradverkehr.

In der Entwicklung der Mobilität fällt etwas auf: Autos und Motorräder werden immer schwerer, die Velos immer leichter. Während die stumpfsinnige Religion des motorisierten Privatverkehrs sich vielleicht dem Ende nähert, entführt die Leichtigkeit des Velos über die Nähe zu Immaterialität und Schwerelosigkeit schon lange hinauf ins Spirituelle.

Von wegen: Im selben Sommer des «Méhari» fahre ich über die französischen Alpenpässe zum Mittelmeer. Hie und da gibt es Seilschaften mit anderen Gümmelern, wir haben Gespräche, freuen uns darüber, dass das Velo zehnmal leichter ist als der Mensch. Vor dem Erreichen mystischer Schwerelosigkeit auf der Passhöhe frage ich den Begleiter, wohin denn die Reise auf der anderen Seite weitergehe. Da sagt er mir, sie gehe gar nicht weiter. Er muss zurückfahren zum Ausgangsort, denn dort wartet sein Zweitönner auf ihn. In einer Woche habe ich diese Szene dreizehn Mal erlebt.

Empfohlene Artikel