Stadtverkehr: Sälber schuld?

Die Schöpfer der Verkehrsregeln denken nie ans Velo. Nicole Soland stellt sich vor, es wäre anders.

Nicole Soland, Autorin
Kommentar, 24.03.2010

Auf «Tagi und Berner Zeitung Online» war sich die Mehrheit der 135 Leser­Innen, welche die Meldung kommentierten, einig: Daran, dass in der Schweiz im vergangenen Jahr doppelt so viele VelofahrerInnen tödlich verunglückten wie im Vorjahr, sind diese «sälber schuld» – schliesslich missachten alle VelofahrerInnen immer alle Verkehrsregeln … Abgesehen davon, dass es nicht um aufgeschürfte Knie geht, sondern um Todesfälle (!), und dass die Unfallursachen noch nicht analysiert sind – eines frage ich mich schon: Wissen all die KommentatorInnen nur instinktmässig, wo das Böse hockt, oder wissen sie auch, dass beim Schaffen der Verkehrsregeln noch nie ans Velo gedacht wurde, ans Auto hingegen mit Hingabe?

Zum Beispiel so: In der Stadt Adliswil war es früher auf der breiten Wacht­strasse, die vom Zentrum weg in Richtung Autobahnanschluss Thalwil führt, auf einem 250 Meter langen Teilstück nahe der Stadtgrenze möglich, Tempo 80 zu fahren. Die AnwohnerInnen fanden, Tempo 60 genüge; die Stadt hatte nichts dagegen, die Signalisation zu ändern. Doch es handelt sich um eine Kantonsstrasse, und da seien solche Vorhaben «nicht so einfach zu bewerkstelligen», wie mir ein Sprecher der Kantonspolizei erklärte: Zuerst brauche es Geschwindigkeitsmessungen, um herauszufinden, ob die AutofahrerInnen auf diesen 250 Metern die Möglichkeit, mit 80 km/h zu fahren, ausschöpften. Denn eine allfällige Signalisationsänderung müsse auch akzeptiert werden; schliesslich könne man nicht 24 Stunden am Tag Kontrollen machen: «Eine Signalisation, die dem Empfinden des Autofahrers widerspricht, nützt nichts.»

Stellen wir uns nun kurz vor, das Velo würde als dem Auto gleichwertiges Verkehrsmittel anerkannt – und siehe da: Schon müsste die Kantonspolizei sinngemäss vermelden, dass «die Übersicht der Velofahrer wegen des Fehlens von Blech und Glas um ihre Köpfe signifikant besser ist als jene der Autofahrer, weshalb beispielsweise grundsätzliche Verbote des Rechtsabbiegens bei Rot oder von Rollstopps nichts nützen – sie widersprechen dem Empfinden des Velofahrers.»

Nicole Soland ist Redaktorin bei der Zürcher Wochenzeitung «P.S.». Das Velo ist ihr Hauptverkehrsmittel.

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