Noch kurz vor dem Ziel führte er dank seines schnellen Starts beim Veloaufklappen das Rennen an, ganz alleine unterwegs in engen Altstadtgassen. Dann passierte es: Die Kette hüpfte bei einer Bodenwelle aus dem Ritzel. Erst einmal zuvor war ihm das widerfahren mit diesem Velo, jetzt kostete es ihn den Sieg. Andri Capaul landete mit seinem Faltvelo abgeschlagen auf dem 14. Platz, mit einer halben Minute Rückstand auf den Gewinner.
Aber es gab beim diesjährigen Faltrad-Festival in Biel noch eine andere Chance zu gewinnen: im Faltwettbewerb. Und da wurde er dann tatsächlich zum ungeschlagenen König des effizienten Velovergrösserns und -verkleinerns. Souverän faltete Andri Capaul seine Gegner aus dem Spiel und sich selber aufs Podest, seine beste (Rekord-)Zeit: 5,77 Sekunden. Er durfte ein Flickset entgegennehmen und die Bestätigung, als Tüftler auf dem richtigen Weg zu sein. Denn sein Velo lässt sich nur deshalb so schnell auf- und zusammenfalten, weil der gelernte Schreiner es «ein wenig präpariert hat», wie er sagt. Dem Hersteller würde er sogar verraten, wie er es gemacht hat, aber der habe sich bisher nicht gemeldet, und er wolle sich nicht aufdrängen. Lieber tüftelt er privat an anderem rum, etwa einer kleinen Achterbahn für die Kinder.
Strohballen als Isolation
Der 32-Jährige lebt mit seiner Familie auf einem Demeterhof im jurassischen Sonvilier. Vor Kurzem ist er zum dritten Mal Vater geworden. Ein erster Teil der Achterbahn steht in seiner Werkstatt in der Scheune des Bauernhauses: zwei feste, gebogene Elektrorohre, die normalerweise im Boden verlegt werden, darauf eine flächige Holzkonstruktion auf Rollen. Dereinst soll ein Autokindersitz auf diesem Holzboden thronen: «Die Kinder stossen den Sitz dann aufwärts und brausen runter. Ich bin aber noch am Ausprobieren.» Das verspricht, ein Gaudi zu werden. Es gebe im Internet bereits selbstgebastelte Achterbahnen zu bestaunen, sagt Capaul.
Dort findet man auch eine Dokumentation seines bisher grössten Projekts: dem Bau des Stöcklis für seine Eltern, inklusive Isolation aus Strohballen. Das war 2010 sogar der Fachzeitung «Schweizer Bauer» einen Artikel wert, sie schrieb über das Projekt des damals 28-Jährigen: «Rund 20 Tonnen auf dem Feld gehacktes Stroh in Kleinballen und fast ausschliesslich Holz aus dem eigenen Wald verbauten Capauls mit Sohn Andri als Projektleiter.» Strohballen als Isolation deshalb, weil es günstig und ökologisch sei, erklärt der erfinderische Bastler in der warmen Novembersonne vor seinem Zuhause am Holztisch sitzend.
Bald wird die ganze Familie versammelt sein und gemeinsam zu Mittag essen, alles aus der Demeter-Produktion, der Käse von den bauernden Hausgenossen. Ausserdem gebe es mit den Strohballen garantiert kein Entsorgungsproblem, sagt Andri Capaul, «selbst die Verarbeitung und der Transport benötigten praktisch keine zusätzliche Energie». Als das Stöckli noch im Entstehen war, wuchs rund um die Baustelle plötzlich Getreide, die Samen stammten aus den Strohballen. Capaul konnte vor Ort sagen: «Schauen Sie, wie nachwachsend der Rohstoff ist, den wir verwenden.»
Doppelt ökologisch
Andri Capaul spricht einen undefinierbaren Dialekt, der mal nach Züritüütsch klingt, dann wieder nach Berndeutsch. Er ist an verschiedenen Orten in der Schweiz aufgewachsen, und in alle Ecken des Landes verschlägt es ihn heute wieder, denn der ökologisch Engagierte fährt hauptberuflich Lastwagen. Sattelschlepper, um genau zu sein. Er sagt «Lastwägelen», wenn er von dieser Arbeit spricht, die er als Freelancer und ebenfalls sehr gerne macht.
Selbstverständlich fahre er so ökologisch wie möglich, und einfach, damit das klar sei: «Wenn auf der Autobahn vier oder fünf durchschnittliche PWs an mir vorbeifahren, brauchen die gleich viel Sprit wie ich mit dem Lastwagen – und wohlgemerkt, die transportieren in ihrem Kofferraum nicht einen Bruchteil dessen, was ich als Fracht dabei habe!» Aber manchmal lange er sich schon an den Kopf, wenn er sehe, was in den Schiffscontainern transportiert wird. Zum Beispiel Schweizer Granit, der nach China verschifft werde – und dann vermutlich, billig bearbeitet, wieder zurückkomme.
Was er auch nicht mag, ist Festsitzen an öden Orten ohne Anbindung an den öffentlichen Verkehr – Orte, wo die Fracht ausgeladen wird und er ein paar Stunden warten muss, oder wo er den Sattelschlepper abgibt und von wo aus er nach langer Fahrt zurück nach Hause gelangen muss. Deshalb hat Andri Capaul stets sein Faltrad dabei, verstaut beim Passagiersitz (dem einzigen Ort im Lastwagen, wo es überhaupt Platz hat dafür). So ist der schnelle Velo-Zusammenfalter vielleicht der grünste, garantiert aber der unabhängigste Sattelschlepperfahrer dies- und jenseits des Gotthards.
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