Eine Website hat sie nicht, und übers Telefonverzeichnis sucht man sie ebenfalls vergeblich – wer mit der Schmuckherstellerin Eva Novakova aus Genf in Kontakt treten möchte, muss den Umweg über Bergün machen. Da betreibt Novakovas Freundin Astrid Herzog mit ihrem Partner eine Veloanlaufstelle, die von Reparaturarbeiten über Touren, Kurse und Trainings die verschiedensten Dienstleistungen rund ums Velo anbietet. Und eben auch Novakovas Schmuck. Die beiden Frauen kennen sich von ihrer gemeinsamen Zeit bei einer Grossbank. Die Idee, aus ausrangierten Veloteilen Ketten, Ohrringe, Colliers und mehr herzustellen, hatte Herzog. Ihre Freundin machte sich sofort begeistert ans Werk.
Intensives Fahren
Die 43-Jährige ist fürs Studium in die Schweiz gekommen, zwanzig Jahre ist das her: «An der Uni St. Gallen habe ich ein Stipendium gewonnen», erzählt die gebürtige Tschechin, «ich studierte Wirtschaft mit Vertiefung Tourismus, schrieb in St. Gallen die Dissertation und blieb der Liebe wegen hängen.» In perfektem Hochdeutsch erzählt sie, wie schwierig es trotz hervorragender Ausbildung und überdurchschnittlicher Sprachkenntnisse war, in ihrem Fachgebiet arbeiten zu können. Sie fand sich schliesslich auf der Bank wieder, heute arbeitet sie in Genf bei einem Treuhandunternehmen, ebenfalls im Finanzbereich: «Nicht meine Leidenschaft», sagt Eva Novakova beinahe etwas entschuldigend. Umso wichtiger sind die Hobbys, allen voran das Velo.
Ein Kollege hat die zierliche Frau auf den Geschmack des intensiven Velofahrens gebracht, «er nahm regelmässig an Rennen teil, ich ging mit, von Null auf Hundert quasi, ohne Vorkenntnisse fuhr ich um die 200 Kilometer am Stück. Ich entdeckte auf diese Weise, dass ich über eine enorm gute Grundkondition verfüge, denn obwohl ich zuvor nur im Stadtverkehr mit dem Velo unterwegs gewesen war, konnte ich mithalten. Ich kaufte mir zwei Rennvelos und trainierte fortan zweimal die Woche und an den Wochenenden.» Das intensive Fahren und die erfolgreichen Teilnahmen an herausfordernden Rennen wie der Alpen Challenge taten ihr auch psychisch gut: «Im Beruf lief es harzig. Das Velofahren gab mir das Gefühl, etwas zu können, es war Gold wert für mein Selbstbewusstsein.»
Dann kam der Unfall an der Tour du Lac am Genfersee: Bahngleise auf der Fahrbahn, schlecht markiert, sie geriet hinein und stürzte schlimm. Stieg zurück aufs Rad und fuhr weiter, mit Schürfungen am ganzen Körper und im Gesicht und gebrochenen Knochen. Letzteres spürte sie zunächst gar nicht. Erst später wurde klar, dass das Knie operiert werden musste – sie hatte einen Meniskus-Vollriss und gerissene Kreuzbänder. Noch heute trägt sie eine spezielle Kniebandage, Velofahren geht nicht mehr: «Der Schmuck ist für den Moment das, was mir von der Leidenschaft fürs Velo geblieben ist.»
Ein Ausgleich zur Arbeit
Im Haus ihres Freundes hat sie sich eine Ecke für die Kreativarbeit hergerichtet. Von der ursprünglichen Idee, den Schmuck ausschliesslich aus ausgemusterten Veloteilen zu fertigen, ist sie abgekommen, aber die Hauptteile sind zweifelsfrei als Kettenelemente, Muttern oder Verschlusskappen erkennbar. Ohne lange hinschauen zu müssen, fällt auf, dass sich Teile aus Metall für Schmuckzwecke besser eignen als solche aus Plastik, und man fragt sich kurz, zu was für einem Anlass eine Halskette mit schwarzer Plastikverschlusskappe oder eine Brosche aus einem ausrangierten Bremsklotz passend sein könnte. Bestens für Ohr- und andere Ringe eignen sich indes die Kettenteile.
Novakova hat es nicht auf kommerziellen Erfolg als Schmuckdesignerin abgesehen, vielmehr ist es ihr Ausgleich zur Arbeit in der Finanzbranche. Es bleibt ihr auch kaum Zeit, ihren Schmuck unter die Leute zu bringen. Gut, gibt es da die Freundin in Bergün, die sie einst überhaupt auf die Idee gebracht hatte mit dem Schmuck: Eine neue Palette an Ringen und Broschen ist immer auch eine Gelegenheit, Bergluft zu schnuppern, jetzt, da sie vorläufig keine Pässe mehr fahren kann.
www.velomaid.ch
Esther Banz
24.03.2015







