Rollendes Guerillamarketing

Guerillamarketing ist die Kunst, mit treffenden Botschaften, Überraschung und gutem Timing Medienpräsenz und Wirkung zu erzielen. Pro Velo Genf setzt diese Methode seit Jahren erfolgreich ein.

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Marianne Fässler, Christoph Merkli
18.07.2012

Genf ist die Hauptstadt des Autos und des jährlich stattfindenden Autosalons. Unter dem Titel «L’autre Salon» organisiert Pro Velo Genève mit anderen Organisationen seit einigen Jahren Gegenaktivitäten für alle Nichtmotorisierten. Nebst Konventionellem wie Kino, Veloausfahrt und Picknick finden sich im Programm einige Veranstaltungen, die aus dem Rahmen fallen. In diesem Jahr startete «L’autre Salon» besonders sinnbildlich: Am Quai de l’île wies Pro Velo mit rosaroten Fahrrädern, Regenschirmen und Hockern auf die fehlenden Mietvelos – auf französisch «vélos en libre service» –, Dächer und Sitzgelegenheiten hin. Selbstbedienung war das Stichwort und die Botschaft an die Stadt, mit diesen Angeboten vorwärts zu machen. Die originelle Idee und die farbenfrohe Umsetzung brachte den Initianten einen Bericht im Westschweizer Fernsehen ein.

Während des Salons waren auf der Strasse AktivistInnen im T-Shirt «Je suis automobile» (frei übersetzt: «Ich bin selbstmobil») anzutreffen. Sie verteilten den alternativen Führer «Guide du Salon d’Otto», der im schönsten «Français fédéral» verfasst war, sind doch viele Salon-BesucherInnen aus der Deutschschweiz angereist.

Der «Parking Day»

In einer öffentlichen Kunstaktion unter dem Namen «AutoMorphose» wurde die Rückeroberung der Strasse durch die Natur demonstriert und zelebriert. Dazu begann in und aus einem Auto allerlei Grünzeug zu wachsen, als Höhepunkt ein veritabler Baum aus dem Dach. Und unter dem Titel «slow down», eigentlich eine BfU-Kampagne gegen zu schnelles Fahren, stauten FussgängerInnen den Autoverkehr, indem sie betont gemütlich die Zebrastreifen querten.

Guerillamässig waren die Anfänge des «Parking Day». Pro Velo fütterte während eines Tages eine Parkuhr und belegte den dazugehörigen Parkplatz mit einem Stand. Kurze Zeit später beendete die Polizei die nicht bewilligte Aktion. Heute werden auf einer Reihe von Parkplätzen bewilligte Aktivitäten durchgeführt. Da wird etwa auf Rasenteppichen gefrühstückt oder gejasst und im Whirlpool gebadet. Zum Schluss gibt es noch einen inoffiziellen Weltrekordversuch: 100 Personen drängen sich auf ein Parkfeld und demonstrieren damit (gegen) den unverhältnismässigen Platzbedarf von (Menschen mit) Autos.

Die Guerillaaktionen von Pro Velo haben Tradition und werden von den Medien gerne aufgegriffen. Bereits kleine Aktionen – etwa eine Demonstration vor der Geschäftsstelle von Pro Velo Genève gegen die Aufhebung der dortigen Veloabstellplätze – werden von Presse, Funk und Fernsehen regelmässig aufgenommen und kommentiert. Im besagten Fall führte das Medienecho sogar dazu, dass die Stadt anstelle der angedrohten Aufhebung eine Verdoppelung der Fahrradparkplätze realisierte.

In der deutschen Schweiz wird die Romandie bezüglich der Veloinfrastruktur und -kultur gerne als rückständig bezeichnet. Die Art und Weise, wie sich die Westschweizer mit Witz und Souplesse für bessere Rahmenbedingungen für Fussgänger und Velofahrende einsetzen, ist jedoch beachtlich und darf auch in der Deutschschweiz zum Vorbild genommen werden.

www.autre-salon.ch
 

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