Rollendes Arschgeweih

Die Werbung im Profirennsport hat eine neue Dimension erreicht, die auch Hobbyradlerinnen und Gümmeler zu begeistern scheint. Ein paar Betrachtungen zum Phänomen.

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Dres Balmer
13.09.2016

Unternehmen, die sich Velo-Profimannschaften leisten, machen ihre Marke am Strassenrand und am Fernsehen möglichst weitherum sichtbar, indem sie die Fahrer mit Firmennamen zu Werbezwecken ins Rennen schicken. Profis tragen buchstäblich ihre Lycrahaut zu Markte. Sind sie also Werbesklaven? Ja, aber sie verdienen so auch gutes Geld. Dieses Geschäft ist bei den grossen Rundfahrten längst so normal, dass es nicht mehr auffällt. Im Grunde genommen aber hat es etwas Barbarisches.

Von den Sponsoren der 22 Mannschaften der Tour de France 2016 sind sechs Velohersteller, was logisch scheint. Weitere sechs stellen zum Beispiel Sprengstoff, Shampoo oder Wohnmobile her, und da scheint der Zusammenhang mit dem Radsport beliebig. Den höchsten Anteil hält die Finanzbranche mit zehn Mannschaften. Das ist geheimnisvoll. Dazu kommt: Einst waren die Schriftzüge diskret auf Brust und Rücken, dann las man sie auch auf den Aussenseiten der Rennhosen, am Helm, und wohl dank des Fernsehens wird Werbung an den Velorahmen und den geschundenen Körpern nun immer greller und aufdringlicher.

Auch die hörigen Damen und Herren auf dem Hobbyrennrad kaufen und tragen brav und freiwillig die Gewänder der Profis und runden so den Affenzirkus ab. Niemand kommt auf den Gedanken, dass die Firma X auch die Freizeitmenschen für ihre Werbearbeit bezahlen müsste.

Nun entdecken die Textilproduzenten eine neue Werbefläche, und die befindet sich auf der hinteren Mitte der Velohose, tief im Kreuz, an der Stelle, wo sich das Gesäss in zwei Hälften zu teilen beginnt. Nichts gegen den Blick auf ein sportliches Gesäss, doch muss man auch ausgerechnet dort einen Firmennamen lesen? Da wird mitunter eine Schamgrenze überschritten. Da steht zum Beispiel «Italia», und es prangen die Farben Grün, Weiss, Rot über dem Füdlispalt. Das heisst also, dass Italien am A... ist, und das ist Staatsbeleidigung. Es kommt einem die Mode des Arschgeweihs in den Sinn, das so vulgär ist, dass es nach kurzer Zeit wieder verschwand.

Die Velohosenfabrikanten aber lassen das Arschgeweih wieder aufleben. Auch hier macht das wackere Sportlervolk untertänigst mit. Ui ui, man ahnt die nächste Stufe schamloser Reklamevulgarität: eine Leuchtschrift auf der Vorderseite der engen Hose, knapp über der Waldgrenze. Ich versuche, die Sache umzudrehen, und zwar so: Ich frage mich, welche Firma oder Organisation ich so zum Teufel wünsche, dass ich ihren Namenszug am Hintern herumtragen würde. Ich denke zum Beispiel Ruag, Fifa, Auns oder an ein paar Banken.

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