Der Thurgau entdeckt das Velofahren

Der Ostschweizer Kanton will mehr für die Radfahrenden tun. Zu diesem Zweck hat er kürzlich sein Langsamverkehrskonzept präsentiert.  Pro Velo freut sich, ortet aber weiterhin Handlungsbedarf.

no-image

Fabian Baumann
15.11.2016

Wer in die Pedale tritt, tut nicht nur etwas für die eigene Gesundheit, sondern auch für die Umwelt. Zudem werden Kosten beim öffentlichen und privaten – sprich motorisierten – Verkehr eingespart. Im Velojournal abgedruckt, sind diese Aussagen keine Überraschung. Doch sie stammen nicht vom Autor, sondern aus einer Mitteilung des Kantons Thurgau. Ende September wurde dort ein neues Langsamverkehrskonzept vorgestellt und in die Vernehmlassung geschickt. Städte, Gemeinden, Organisationen und Interessenverbände wie Pro Velo können sich bis Anfang Dezember dazu äussern. Ziel des Kantons ist, bis im Jahr 2030 mehr Menschen für den sogenannten Langsamverkehr, also für das Zufussgehen und Radfahren, zu begeistern.

Löcher stopfen
Das Vorhaben ist ambitioniert. «Der Kanton Thurgau ist um mindestens 20 Jahre im Hintertreffen», sagt Vera Zahner, Präsidentin der lokalen Pro Velo, gegenüber Velojournal. «Es gibt viele Schwachstellen, die man beheben muss.» Touristen und Wochenendausflügler finden zwar bereits ein gutes Streckennetz vor. Für den Alltagsradverkehr sieht es aber düster aus. Ein Netz für Velopendler­Innen fehlt. Pro Velo Thurgau bezeich­nete die Alltagsrouten in den vergangenen Jahren wiederholt als «löchrig».

Vom Auto- zum Veloland
Das Langsamverkehrskonzept ortet beim Alltagsradnetz tatsächlichen Handlungsbedarf. In Zukunft sollen alle wichtigen Ziele – Geschäfte, Arbeitsorte und Schulen sowie Freizeiteinrichtungen – bequem und sicher mit dem Velo erreichbar sein. Dass dem derzeit noch nicht so ist, zeigt ein Blick in die Statistik. Der scherzhaft als «Mostindien» bezeichnete Thurgau ist kein Veloland. Autoland trifft eher zu: Auf 100 EinwohnerInnen kommen 62 Personenwagen. Damit gehört der Thurgau zu den Schweizer Kantonen mit dem höchsten Motorisierungsgrad. Nur in Schwyz, Zug, im Tessin und Wallis sind noch mehr Autos pro 100 EinwohnerInnen unterwegs. Die ThurgauerInnen bewältigen rund 68 Prozent ihrer Wege im Auto. Und das, obwohl fast die Hälfte aller motorisiert zurückgelegten Etappen weniger als 5 Kilometer misst. Zu Fuss oder mit dem Velo wird weniger als ein Zehntel der Strecken zurückgelegt, wie aus dem Mikrozensus Mobilität und Verkehr hervorgeht. Der Kanton will das ändern.
Nicht motorisierte Mobilität soll neben dem öV und dem Autoverkehr zur «gleichberechtigten dritten Säule im Gesamtverkehr» werden, heisst es im vorgelegten Konzept. Veloförderung soll aber nicht nur via Infrastruktur geschehen. Auch Einwohner und Mitarbeiterinnen der Verwaltung möchte man zum Umdenken bewegen. Darum umfasst das Konzept auch Kommunikationsmassnahmen. Ein Umdenken habe bereits stattgefunden, sagt Vera Zahner. So habe die Regierungsrätin Carmen Haag in einem Fernsehinterview sinngemäss gesagt, dass jedes Fahrrad mehr ein Auto weniger auf der Strasse sei. «Überraschend schöne und erfrischende Worte aus dem Autokanton Thurgau», so Zahner. Pro Velo Thurgau bewertet es als positiv, dass das Langsamverkehrskonzept neben Infrastruktur und Kommunikationsmassnahmen auch die Organisation des Tiefbauamts verändern will. Eine neu zu schaffende «Fachstelle Langsamverkehr» soll das vorgestellte Konzept bereinigen und dereinst für die Umsetzung sorgen. «Das Konzept steht und fällt mit der Einrichtung einer Fachstelle», weiss die Pro-Velo-Thurgau-Präsidentin.
Doch der Kanton muss sparen. Ob die Mehrausgaben für die Fachstelle beim Parlament auf Zustimmung stossen, lässt sich schwer abschätzen. Arbeit für Pro Velo gibt es weiterhin. Laut Zahner gilt es, die Legislative vom Vorhaben des Kantons zu überzeugen. Und auch beim Langsamverkehrskonzept selbst ortet Pro Velo Verbesserungspotenzial. Der Zeithorizont für die Umsetzung sei gross. Zudem fehle im Konzept ein fixer Pro­zentwert, um welchen der Modalsplit zugunsten des Velos verbessert werden soll. Das werde Pro Velo im Zuge der Vernehmlassung einbringen. Immerhin sei ein erster Schritt getan. Nun müsse der Interessenverband der Velofahrerinnen und Velofahrer einfach dranbleiben.

www.provelothurgau.ch

Empfohlene Artikel