Berner Pioniergeist

Pro Velo Kanton Bern feiert ein grosses Jubiläum. In drei Jahrzehnten hat haben die Velo-Aktivisten einiges geleistet – und sich bei Bedarf auch selber mit dem Schraubenschlüssel ans Werk gemacht.

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Fabian Baumann
13.09.2016

Aus den Radios der Nation ertönte 1986 «The Final Countdown» von Europe. Das Lied hielt sich sieben Wochen an der Spitze der Schweizer Charts. Von einer politischen Öffnung gegenüber der Welt wollten Herr und Frau Schweizer damals aber nichts wissen. Der UNO-Beitritt wurde mit einem wuchtigen Nein-Anteil von knapp 76 Prozent an der Urne abgeschmettert. Das Jahr 1986 ist aber auch die Geburtsstunde der Pro Velo Kanton Bern. Während die 80er-Hymne heute kaum mehr im Radio gespielt wird, hat der Regionalverband den Sprung ins 21.?Jahrhundert mit Elan geschafft.
Die Geschichte beginnt 1983. Damals sollte das kantonale Strassenbaugesetz revidiert werden. Vom Veloverkehr war darin aber so gut wie nichts zu lesen. Das rief die drei damals im Kanton existierenden IG Velo – die Vorläufer der heutigen Pro-Velo-Regionalverbände – auf den Plan. Sie beschlossen, eine Stellungnahme zur Gesetzesrevision zu erarbeiten. Am Ende der gemeinsamen Arbeit stand die Erkenntnis: Es braucht einen Dachverband, der die Interessen der Velofahrenden gegenüber den kantonalen Stellen vertritt.

Pionierleistung Velowanderroute
1986 wurde die Pro Velo Kanton Bern aus der Taufe gehoben. Damals wie heute hat der kantonale Dachverband keine Einzelmitglieder. Vielmehr sind alle Berner Regionalverbände – derzeit sind es deren sechs – darin zusammengeschlossen. Nur gerade zwei Jahre nach der Gründung wurde zwischen Bern und Thun die erste Velowanderroute der Schweiz eröffnet. «Damit hat der Kanton Pionierarbeit geleistet. Dank engagierter Vertreterinnen und Vertretern von Pro Velo», sagt Oskar Balsiger, Mitbegründer von Pro Velo Kanton Bern. Balsiger selbst war mit vollem Einsatz an der Entstehung der Fahrradrouten beteiligt. Vor 30 Jahren hatte der Kanton zu wenig Personal, um die Schilder zur Markierung der Route anzubringen. So musste Balsiger eigenhändig unzählige der von ihm entworfenen roten Veloschilder im Kanton montieren.
1998 wurde die Berner Pionierarbeit eins zu eins ins Veloland-Netz von Schweiz Mobil integriert. Die einstigen Radwanderrouten sind in Bern inzwischen von 800 auf 1400 Kilometer Länge angewachsen.

Verwirrte Gäste aus Deutschland
Das Routennetz ist heute ein Grosserfolg. Oskar Balsiger kann sich aber auch an Stolpersteine erinnern. So kam kurz nach Eröffnung des Veloland-Schweiz-
Routennetzes ein Ehepaar aus Deutschland in Bedrängnis. «Sie kamen vom Weg ab und gelangten auf einen Wanderpfad, der steil, zum Teil über Treppenstufen, in den Schwarzwassergraben hinunterführt», erzählt Balsiger. An ein Zurück war nicht zu denken: Die voll bepackten Tourenvelos waren viel zu schwer. Die zwei Radlersleute mussten durchs kalte Flusswasser waten, um sich aus ihrer misslichen Lage zu befreien. «Von Schweiz Tourismus erhielt das Ehepaar einen Gutschein für die Strapazen. Und die Fachstelle Velo den Auftrag, der Ursache für die Irrfahrt auf den Grund zu gehen», so Balsiger weiter. Welches Signal die Touristen in den Fluss führte, fand man zwar nicht heraus, allerdings brachte die Kontrolle alte Markierungen aus den 60er-Jahren zum Vorschein, die daraufhin entfernt wurden. Kontrolle und Unterhalt der Routenschilder gehören heute noch zum Kerngeschäft der kantonalen Pro Velo.

Die Fährte des Fuchses
Rund 30 Jahre nach den ersten Velowanderrouten und passend zum grossen Jubiläum von Pro Velo Kanton Bern wurde diesen Sommer eine nächste Pionierleistung vollbracht. In der Bundesstadt wurde «Rolling Fox» gestartet, der erste Fahrrad-Foxtrail der Schweiz – eine Art Pokémon-Jagd für Velofahrende. Dem Fuchs auf der Spur, erleben Jung und Alt Bern und Umgebung von einer neuen Seite. Und dies vom Sattel aus. Der Trail erstreckt sich über 15 Kilometer. Je nachdem, wie schnell die Aufgaben und Rätsel gelöst werden, dauert die Fuchsjagd zwischen drei und vier Stunden. Die Idee zur velozipedistischen Schnitzeljagd hatte Regula Tschanz, Präsidentin von Pro Velo Kanton Bern. «Ich habe mich gefragt, ob ein Foxtrail nicht auch per Velo machbar sei.» Bei Foxtrail stiess sie damit auf offene Ohren. Schnell entstand eine Kooperation. Foxtrail entwickelte die Aufgaben und Posten, Pro Velo testete die Strecke auf Fahrradtauglichkeit und Sicherheit. Der Trail komme gut an, weiss Regula Tschanz zu berichten. «Alle, die ihn bisher absolviert haben, finden ihn toll.» Bewähren sich die Veloschnitzeljagden in Bern, könnten weitere an anderen Orten folgen. Beim Unternehmen Foxtrail steht man dieser Idee zumindest nicht ablehnend gegenüber. Gut möglich, dass eine Pioniertat von Pro Velo Kanton Bern einmal mehr Vorbildcharakter haben wird.

www.pro-velo-be.ch


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