Der Frühling naht, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie wieder beginnt: die Saison des in Zeitungen und Onlineportalen beliebten Feindbildes namens «der Velofahrer, der sich nie an die Verkehrsregeln hält». Höchste Zeit also für ein paar Müsterchen aus dem Leben einer dickschädligen Alltagsvelofahrerin, die immer noch darauf besteht, ihr Velo als Verkehrsmittel und sich selber als Verkehrsteilnehmerin zu betrachten. Und das in der Stadt Zürich.
Beispiel 1:
Ich radle friedlich durch eine Tempo-30-Zone. Von links kommt ein Auto. Ich radle weiter, denn bekanntlich gilt in der 30er-Zone Rechtsvortritt. Das Auto fährt und fährt. Ich muss stark bremsen. Unterdessen hat sich mir von hinten ein anderes Auto genähert. Es muss nun natürlich auch bremsen. Das Auto von links ist derweilen weitergefahren. Der Fahrer des Autos hinter mir hupt und verwirft die Hände. Ja, ja, sorry, ich weiss, dass ich mich, weil ich theoretisch Vortritt gehabt hätte, unter das Auto von links hätte werfen müssen, aber he, ich hab nun mal nicht deine Knautschzone.
Beispiel 2:
Schräg angeschaut werde ich regelmässig dann, wenn ich vor dem Abbiegen die Hand rausstrecke. Das ruft mir in Erinnerung, dass ich langsam alt werde. Denn moderne Autos haben bekanntlich keine Blinker mehr. Oder unterlassen es moderne AutolenkerInnen etwa bloss, die Blinker ihrer Autos zu betätigen? Nein, das kann nicht sein! Das wäre ja eine Unverfrorenheit, zu behaupten, «die Autofahrerin stellt nie den Blinker». Keiner anständigen Velofahrerin käme so etwas in den Sinn.
Beispiel 3:
Ein Favorit ist auch das Ratespiel «Wer überholt mich wohl heute, wenn ich am Rotlicht halte?» An grossen Kreuzungen sind es normalerweise etwa gleich viele Auto- wie VelofahrerInnen. Nein, nicht empört aufschreien, bitte: Natürlich weiss ich, dass die AutofahrerInnen bloss bei «Dunkelorange» auf die Tube drücken. Es ist nicht ihr Fehler, dass die Ampel dann, wenn sie an mir vorbeibrausen, bereits Rot zeigt. Sonst hätte ja der Ärger über «den Autofahrer, der sich nie an die Verkehrsregeln hält», längst ganzjährig Saison.
Beispiel 4:
Immer wieder amüsant sind die älteren Herren, die vom Trottoir zu meiner Rechten ohne nach hinten zu schauen schräg auf die Strasse hinaus marschieren. Ungefähr am Punkt, an dem wir zusammengestossen wären, hätte ich nicht längst abgebremst, schauen sie rasch über die Schulter – und erschrecken ein bisschen ob des Velos, das da steht. Doch sie erholen sich sofort wieder, um mir umgehend und mit galantem Handzeichen den Vortritt zu gewähren.
Beispiel 5:
Die Begegnungen mit FussgängerInnen sind auch sonst stets eine Freude: Ich sichte FussgängerInnen, die am Fussgängerstreifen warten, und bremse ab. Die FussgängerInnen machen keinen Wank, obwohl gerade kein Auto kommt. Das heisst, sie starren mich an, und einmal rief mir eine zu: «Fahr, du blödi Chue, i wott über d Strass!» Ansonsten aber warten wir halt alle, bis sich ein Auto nähert und abbremst. Dann danken die FussgängerInnen dem Autolenker per Handzeichen und überqueren die Strasse, und ich kann weiterfahren







