Lange bevor sich die Frauen ganz selbstverständlich auf ihre Citybikes schwingen konnten, hatten sie etliche Steigungen mehr zu überwinden als die Herren der Schöpfung. Diese mussten lediglich die Entwicklung des Velos von abenteuerlichen Lauf- und Hochrädern über «gstabige» Dreiräder bis hin zum modernen Stahlross erdauern. Den Frauen hingegen standen zusätzlich ihre Kleider vor dem Glück, die nur Damensitz-tauglich waren und die sie erst noch mit furchterregend starren Korsetten kombinieren mussten, die ihnen die Luft abschnürten. Dass das Velofahren sich für Frauen «nicht schickte», versteht sich von selbst, und auch als sportliche Betätigung war es ihnen ursprünglich verwehrt: Noch 1885 empfahl der Deutsche Radfahrer-Bund auf seiner Bundesversammlung den Ortsvereinen, Frauen nicht aufzunehmen. Begründung: «Das Mitfahren von Damen bei Touren beeinträchtigt und schädigt den Charakter des Velocipedfahrens, da dasselbe ein männlicher Sport ist.»
Erst kurz nach der Jahrhundertwende fiel auch die bisher geltende Etikette, dass für Frauen nur erholsame Spazierfahrten zulässig seien: Endlich konnten es die Arbeiterinnen ihren Männern gleichtun und zeitsparend mit dem Velo zur Fabrik fahren, statt zu Fuss zu gehen. Was natürlich prompt dazu führte, dass die zeitweise davon richtig «angefressenen» Bürgerfrauen das Velo umgehend wieder «schockierend» fanden statt «comme il faut»…
Das Internet hält sich bedeckt
Und heute? Frauen durchqueren die Stadt auf City- oder Mountainbikes, mit dem Bahnhofsvelo oder dem Tourenrad, sie sind tagsüber und nachts unterwegs, und sie sind – kein Thema mehr. Dies zumindest legt die Internet-Recherche nahe: Es gibt zwar spezielle Bikekurse nur für Frauen, es werden speziell für Frauen konzipierte Velosättel und Velohosen verkauft. Aber übers Alltagsradeln in der Stadt findet sich kaum etwas, und über Geschlechterunterschiede in diesem Zusammenhang schon gar nicht.
Eine nicht repräsentative Blitzumfrage im Zürcher Kreis 4 ergibt dasselbe Bild: Keine der drei befragten Frauen hat das Gefühl, als Velofahrerin in der Stadt anders behandelt zu werden als die Männer. Auch der Versuch, sie mit Vorurteilen aus der Reserve zu locken, missrät: Sind mehr Frauen mit dem Velo auf dem Trottoir unterwegs, weil Frauen im dichten Stadtverkehr eher Angst bekommen als Männer? Das will keine bestätigen; vielmehr erklären sie, ihnen begegneten etwa gleich viele Frauen wie Männer, die mit dem Velo auf dem Trottoir unterwegs seien. Aber vielleicht benehmen sich die AutofahrerInnen ja anders, wenn sie statt eines Velofahrers eine Velofahrerin vor sich haben? Auch da sind sich alle einig: Wer genügend Routine habe und sich im Verkehr sicher bewege, komme gut durch – egal, ob Frau oder Mann.
Und eine Bekannte doppelt nach, in Zürich stressten sie vor allem die «männlichen wie weiblichen Rowdys, die fahren, als wären sie allein auf der Welt, und mich sogar am Rotlicht überholen – rechts, natürlich». Damit spricht sie mir zwar aus dem Herzen, doch sie ist, wie ich, ursprünglich ein Landei: Ob wir einfach velofahrmässig anders sozialisiert wurden als die Städterinnen? Sie widerspricht: Sie habe lange in Bern gelebt, bevor sie nach Zürich gezogen sei. Eine allfällige Anpassung an städtische Sitten hätte sie also bereits in Bern durchmachen müssen.
Und was haben die Städte Zürich und Bern auf ihren Websites übers Velofahren für Frauen und Männer anzubieten? Was Zürich betrifft, ergibt die Suche mit dem Stichwort «Velo» 356 Treffer, von «Tipps zum Frühlings-Velo-Check» über Einträge zur Richtplanung bis hin zum Titel «Wirtschaftliche Bedeutung von Parkplätzen in der Stadt Zürich». Doch Hinweise zu Männlein und Weiblein? Fehlanzeige, mit einer Ausnahme: In einer Publikation aus der Abteilung Statistik ist nachzulesen, dass mehr Männer als Frauen in der Stadt Velo fahren und dass die Velofahrer häufiger verunfallen als die Velofahrerinnen. Warum das jedoch so ist, dazu gibt besagte Publikation keine Auskunft.
Auf der Website der Stadt Bern ergibt das Stichwort «Velo» über 1000 Treffer. Also tippe ich mal «velo» und «frauen» ein. Rückmeldung: «Es ist leider ein Fehler aufgetreten»… Im Statistischen Jahrbuch der Stadt Bern, Berichtsjahr 2012, werde ich dann doch noch fündig, und zwar im Kapitel «Liebste Freizeitbeschäftigungen 2011 nach Geschlecht, Stadt Bern»: «Velo fahren» nennen 11,5 Prozent der befragten Männer und 7,6 Prozent der befragten Frauen.
Fazit: Velo fahren als Frau in der Stadt ist heute wie – einfach Velo fahren. Die Pionierinnen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts haben gute Arbeit geleistet. Danke!







