Neue Worthülsen fürs Auto

Mit verbalen Kapriolen wie «Ausstiegsassistent» versucht die Auto-PR ihre Wagen zu vermarkten. Was steckt dahinter? Und welche Worthülsen finden wir noch in den verdächtigen Autoreportagen?

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Johannes von Arx
02.02.2017

Wie hängen Auto, Velo und Staub zusammen? Nun, ich hätte, auf der Scheuchzerstrasse in Zürich – heute eine vortrittsberechtigte Velostrasse – fahrend, durch ein Auto in den Staub befördert werden können: Kaum mehr als drei Meter vor mir öffnet sich eine Autotür. Blitzartiges Zupacken und perfekte Bremsen bringen das Vorderrad meines Velos ein paar Zentimeter vor der offenen Tür zum Stehen – und dies aus einem zuvor ziemlich flotten Tempo. Manchmal muss man nicht nur gut beschleunigen, sondern auch verzögern können, sonst könnte man in einer Sekunde in den Staub befördert werden.

Auf Hochglanz poliert
Eine denkwürdige Formulierung, die ein Redaktor im «Tages-Anzeiger» vom 3. Januar 2017 unter dem Titel «Rücksicht statt Rowdytum» schrieb, lautet: «… Ausstiegsassistent? – Ausstiegsassistent: Damit man beim Öffnen der Tür nicht einen Velofahrer in den Staub befördert. Wir sind doch nicht im Wilden Westen.» Der Schreibtäter: A.F. Einer aus einem Team, das von den Mächtigen der Autoindustrie regelmässig zu Tests an die exotischsten Orte geflogen wird. Dort lassen sie sich von den PR-Leuten einlullen in die Superlative ihrer Boliden, dürfen sich dann ergötzen an den auf Hochglanz polierten Karossen mit den noch kreativeren Kreationen als bei ihren Vorgängern, an den noch höheren Beschleunigungswerten (wie werden die denn in den nächsten Jahren noch wachsen?). Und dann greifen sie in die Tasten, schliesslich muss das in die Zeitungen – der «Tages-Anzeiger» ist nur eine davon. Bloss: Man hat ja schon so oft über das Immergleiche geschrieben, versucht, nicht die längst abgedroschenen Formulierungen hervorzukramen, muss sich folglich steigern mit Sätzen wie diesem – zur Erinnerung: «… Ausstiegsassistent? – Ausstiegsassistent: Damit man nicht einen Velofahrer beim Öffnen der Tür in den Staub befördert. Wir sind doch nicht im Wilden Westen.»

Obszönitäten mit Stil
Sprachliche Entgleisung eines Macho-Schreiberlings? Mitnichten. Im gleichen Auto-Journalisten-Set steckt auch N.V. Am 19.?November 2016 hat sie (eine Frau? Als Macho??) folgende – Benzin- und PS-typische – Rhetorik verbrochen: «… Deutschland demonstriert seine Grossartigkeit wieder mit dem um
15 Zentimeter gestreckten Porsche Panamera Executive und dem Mercedes Maybach S650 Cabriolet für Millionäre, die ihre Föhnwelle auf natürliche Weise erzeugen und Obszönitäten mit Stil pflegen.» Im Neuen Testament steht: «An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen» – in der Journalisten-Bibel: «An ihren Worten sollt ihr sie erkennen.» Amen.



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