Mit Stiergalle zum Wohlbefinden

Überall hört man den Spruch, die Schweiz sei so sauber. Beim Radeln über Land kommen allerdings Zweifel daran auf, und es entsteht eine Idee – ausgerechnet für die Werbebranche.

Dres Balmer, Autor (dres.balmer@bluewin.ch)
Kommentar, 22.05.2013

Schön ist es, über Land zu pedalieren, zum Beispiel von Bern nach Lausanne, via Freiburg und Romont, neunzig Kilometer. Das ist eine Landpartie über Weiden und Äcker auf beiden Strassenseiten. Wer so dahinschwebt, schlürft sich mit den Augen zum Horizont hin und hat Freude an dieser Weite.

Nach kurzer Zeit fällt auf, dass die Idylle von Abfällen übersät ist. Neben der Strasse liegen Zigarettenschachteln, Flaschen, Dosen, Karton, Plastik und Aluminium, im Gras, auf den Äckern. Die neunzig Kilometer lange Müllhalde scheint eine gespenstische Werbeaktion zu sein, exklusiv für Velofahrer; Menschen mit Auto oder Töff sind nämlich zu schnell, um das zu sehen, Fussgänger gibt es keine mehr. In zehn Minuten lese ich zwanzigmal Winston, vierzigmal Marlboro. Dazwischen ragen Flaschen und Dosen aus dem Boden. Ich sehe Valser, Icetea, Coca-Cola, Cardinal, Red Bull; immer wieder und am häufigsten Red Bull.

Ich betrachte einmal eine solche silber-blau-rote Büchse. Der Energiesaft mit Stiergalle, steht da geschrieben, «belebt Geist und Körper», und er «verbessert das subjektive Wohlbefinden». Mein belebter Geist erstellt unterwegs eine grobe Schätzung der Red-Bull-Dosen am Weg. Er kommt auf einen Schnitt von fünf Stück je Kilometer. In den dreieinhalb Stunden von Bern bis Lausanne flackert Red Bull also 450-mal über den inneren Bildschirm einer einzigen Person, und das nur am rechten Strassenrand. Das wäre für diese Firma, gratis und franko, eine gigantische Werbequote, aber nur, wenn mehr Menschen per Velo unterwegs wären. Manchmal wünsche ich mir, für mein subjektives Wohlbefinden, ich könnte nicht lesen und wäre farbenblind.

Das Red-Bull-Imperium kann nichts dafür, dass seine Untertanen die Zaubertrank-Dosen gedankenlos auf die Wiesen schmeissen, sie ausgerechnet roten oder andersfarbigen Bullen und Kühen zum Frasse hinwerfen, was deren subjektives Wohlbefinden nicht verbessert, sondern manchmal fatale Folgen hat. Das wirkt angesichts des Namens und des Logos absurd, himmeltraurig und bösartig.

Mit belebtem Geist und Körper kommen mir auf dem Velo manchmal so abstruse Ideen wie diese: Der Propaganda-Apparat dieses steinreichen Kraftsaft-Imperiums macht bekannt, dass man pro abgelieferte Red-Bull-Dose einen Franken Preisgeld ausgehändigt bekommt. Eine solche Aktion wäre gut für Vieh, Natur und Mensch, sie wäre obendrein – oh, nicht schon wieder ! – eine riesige Werbung für eine Firma, die sogar im Pioniergeist erstrahlen würde. Das liebe Vieh frässe kein Aluminium mehr, Jugendliche könnten sich mit Dosenretten ihre Velotour mitfinanzieren.

Ich habe Red Bull meine Idee dargelegt. In ihrer freundlichen Antwort weist die Firma darauf hin, die Schweiz habe «mit rund 90 Prozent weltweit die höchste Recyclingquote für Aludosen». Die restlichen zehn Prozent fallen nur dem Vieh und den Radlern auf. Beide sind eine winzige Minderheit.

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