Die Frage, was zuerst war, Huhn oder Ei, ist hier müssig: Fragte man sich vor vier, fünf Jahren noch, ob denn jemand E-Mountainbikes wolle, muss es heute einen flotten Absatz dafür geben – sonst würden nicht alle führenden Hersteller ganze Offroad-Modellreihen mit Elektroantrieb produzieren.
Damit wiederholt sich die Geschichte von vor zwanzig Jahren: Die E-Mounties polarisieren wie damals die normalen Bergvelos, bei Wanderern, vor allem aber auch bei puristischen Bikern selber, die das Thema zu einer Frage der Ethik stilisieren. Inzwischen gibt es Einsatzbereiche, die unumstritten sind: Da ist zuerst die eher ältere Klientel, die lange nicht mehr auf dem Rad sass und die Freuden des Elektroradelns lieber abseits, auf Feldwegen, statt auf dem Stadtasphalt, entdecken will. Dann sind es schwächere PartnerInnen von Paaren oder Ausfahrgruppen, welche dank der Unterstützung gut mithalten können.
Mit den immer sportiver werdenden Elektromaschinen kommen nun aber weitere Zielgruppen auf den Geschmack: Ambitionierte, durchtrainierte Pedaleure, welche im Bergauffahren eine neue Herausforderung und Lust entdeckt haben, von der Physis bis zur Technik, etwa bergauf in die Kurve zu liegen. Jetzt können Single-Trails bergwärts befahren werden, die vorher unerreichbar waren. Natürlich sind diese «Motörler» ein Dorn im Auge der Puristen, die gerade in der Qual des Aufwärtsfahrens ihre Befriedigung finden und für die eine Abfahrt nur Zugabe ist. Aber «hochstromern» ist doch immer noch ehrenhafter als «hochlifteln». Letzteres ist ja längst mehrheitsfähig, seit die Lufseilbahnen BikerInnen als neue Kundschaft entdeckt haben, BikerInnen, die ihre Befriedigung im Runterbolzen finden. Die E-Mounties machen das Rauf- wie das Runterfahren zu gleichwertig lustvollen Teilen – nicht zuletzt dank der satten Federwege der Modelle.
Jürg Buschor, Herausgeber der «Supertrail Maps», findet für die neuen Gefährte noch ein weiteres Argument, die Sicherheit: «Dadurch, dass man sich bergauf weniger verausgaben muss, kann man sich bei anspruchsvollen Abfahrten besser konzentrieren.»
Neue Reviere – grösserer Radius
Auf den Punkt gebracht: E-Mountainbikes sind längst nicht mehr nur ein Vehikel für ältere Leute und Schwächlinge. Vielmehr begründen sie eine neue Kategorie im Offroad-Segment (wie derzeit etwa auch die Gravel Bikes oder Querfeldeinvelos in Form modifizierter Rennvelos mit schmalen Stollenreifen). Sportiven Naturen eröffnen sie nicht nur neue Reviere, sondern erweitern den Aktionsradius: Der Batterieschub ermöglicht grössere Tagestouren – die physische Leistung könnte am Ende des Tages aber die gleiche sein. So dürften Alpenüberquerungen noch beliebter werden. Bereits gibt es auf vielen Hütten Ladestationen. Mit einer Teilladung während des Mittagessens reichts wieder bis zur nächsten Zapfstelle.
Downhiller auf den Trails
Ob mit oder ohne Schubhilfe, eine Sorge haben engagierte MountainbikerInnen gleichermassen: dass motorisierte DownhillerInnen vermehrt Lust verspüren, die eingegrenzten Gefilde der Bikeparks zu verlassen und dass sie nun neue für sie fahrbare Trails entdecken. Was in zweierlei Hinsicht negative Auswirkungen haben kann: Erstens erschrecken sie mit Integralhelm und Schutzmontur die Wanderer aufs Neue; mit der über Jahre langsam gewachsenen Akzeptanz könnte es im Nu dahin sein. Zweitens könnten sie mit ihrem forschen Fahrstil nicht nur die «Rotsocken» verängstigen, sondern auch die Trails nachhaltig schädigen: Während der Tourenfahrer gelernt hat, das Bike ohne Blockieren der Räder durch die Trails zu navigieren, driften Downhiller im «Parkstyle» durch die Kurven.
Das Resultat sind oft tiefe Schlagrillen vor den Kurven, im Fachjargon «Wellblech» genannt. Doch im freien Feld gibt es, im Gegensatz zu den Bikeparks, keine angestellten «Schaufler», die den Trail reparieren. Einige Destinationen überlegen sich bereits, auf gewissen Flow-Trails ein Integralhelmverbot zu erlassen – in der Hoffnung, damit die Downhiller fernzuhalten. Oder Bahnen könnten auf die Idee kommen, in ihrem Revier ein E-Bike-Verbot zu erlassen. Damit aber verderben sie sich ihr neu entdecktes Geschäft.
Peter Hummel
19.05.2016







