Menschen mit zwei Rädern

Wir Velofahrenden teilen die Strasse – auch mit den Motorradfahrern. Da entstehen manchmal Animositäten, als ob wir zwei Sekten wären.

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Dres Balmer
19.05.2015

Die Schweiz weist europaweit im Vergleich zur Bevölkerung die höchste Anzahl Motorräder auf. Wenig erstaunt das den Radler, wenn er am Pass diese Töff-Dichte in Bild und Ton erlebt, am intensivsten am Wochenende, sogar im Stereo-Ton zwischen den Pässen Grimsel und Furka. Die Motards fahren zwar anständig, weil auch sie keinen Unfall wollen, doch ihre Menge ist für manche Gümmeler so bedrückend, dass sie am Wochenende die Strassenpässe meiden wie die Pest. Sie fühlen sich verunsichert und belästigt durch die Hunderten von knatternden Feuerstühlen, die in Schwärmen aufzutauchen pflegen.
Schwärme? Da fällt etwas auf: Der Töff-Club Pforzheim oder die Harley Boys and Girls aus Hinterzupfigen bringen locker eine Gruppe von fünfzehn bis zwanzig Leuten zusammen und haben gemeinsamen Fahrspass. Im Vergleich dazu ist die zahlenmässige Anwesenheit der Velofahrer kümmerlich, dabei gibt es in der Schweiz doch mehr Velos als Motorräder. Manchmal stelle ich in der Fantasie die Zahlenverhältnisse auf den Kopf und erfinde Motorradfahrer, die zu Hause bleiben, weil sie finden, an den Pässen gäbe es zu viele Damen und Herren auf dem Velo. Jetzt aber wieder im Ernst: Wir Zyklisten überlassen die Passstras­sen dem motorisierten Verkehr, doch mit etwas Mut wären wir auf den Strassen zahlreicher vorhanden.

Sekten mit Animositäten
So entstehen Animositäten, die bis zur Feindseligkeit gehen können. Wir wissen, dass wir die Strasse teilen müssen, doch die Liebe zu den Töff-Fahrern hält sich in Grenzen. Da Animosität aber nicht hilft, komme ich beim Radeln auf kurlige Ideen. Ich winke den Töff-Fahrern zum Gruss, ganz ehrlich. Sie aber denken, es sei ein Scherz, und nur drei von hundert grüssen zurück; übrigens ist die Erfolgsquote bei den Veloherrschaften nicht viel höher. In der Beiz auf der Passhöhe besetzen die Motards und ihre Töffbräute drei Viertel des Lokals und haben es lustig. Wie verschupft sitzen im hintersten Ecklein ein paar Gümmeler, die weniger Lebensfreude zeigen, dabei haben sie doch soeben eine Passstrasse überwunden.

Komplimente mit Bier
Ich setze mich nicht mehr zu den Gümmelern in das Schäm-dich-Ecklein, sondern ich gehe zu einem Tisch mit Töff-Fahrern, grüsse sie freundlich und frage, ob der Stuhl da noch frei sei. Sie sind betupft, dass da ein Mitglied der anderen Sekte sich zu ihnen wagt, einer murrt, ja, der Stuhl sei frei, ich setze mich zu ihnen und versuche ein zwischensektiererisches Tischgespräch, welches aber meistens in eisigem Schweigen ringsum endet. Es ist gut, wenn man sich auf dem Velo hie und da auch ein wenig im Ausland umschaut. In Frankreich und in Italien passiert es mir, dass ich bei der Ankunft auf der Passhöhe von Töffclubs beklatscht werde. Wenn ich in Amerika oder in Russ­land eine Kneipe betrete, werde ich manchmal an den Töff-Tisch gerufen, bekomme Komplimente und ein Bier bezahlt.

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