Der Regisseur und Drehbuchautor Tony Bui musste viele Hindernisse überwinden, um seinen ersten Langspielfilm realisieren zu können. Der Streifen «Cyclo» von 1995, der ebenfalls in Ho-Chi-Minh-Stadt spielt (siehe velojournal 1/2009), hatte die Behörden aufgeschreckt. Sie wünschten sich nun einen positiven und politisch korrekten Streifen. Bui wollte ohnehin einen anderen Film als «Cyclo» drehen. «Cyclo» ähnelt einem Thriller, in dem harte Szenen ihre Berechtigung haben. Der Regisseur wollte keinen Thriller und auch keinen explizit politischen Film über das heutige Vietnam drehen. «Three Seasons» sollte vielmehr ein poetischer und gleichzeitig authentischer Streifen werden.
Trotzdem verlangten die Behörden Einsicht in das Drehbuch. Bui musste sich schriftlich dazu verpflichten, von der bewilligten Vorlage keinesfalls abzuweichen. Die Dreharbeiten standen unter Beobachtung eines Zensors, der sich nicht scheute einzugreifen, wenn ihm eine Szene nicht passte.
Lotusblumen und Rikschas
Anhand von sechs Personen, die unterschiedlicher nicht sein können, erzählt Bui voneinander unabhängige Geschichten aus dem Alltag dieser Figuren. Die Menschen, die dem Regisseur als Vorlage dienten, soll er in der wirtschaftlich und sozial im Umbruch befindlichen vietnamesischen Millionenstadt persönlich gekannt haben. In «Three Seasons» lässt der gelernte Filmemacher die Protagonisten zufällig einander begegnen. Eine Episode handelt von James Hager, einem Vietnamveteranen aus den USA. Hager, dargestellt von Harvey Keitel, ist nach Saigon zurückgekehrt, um nach dem Tod seiner ehemaligen Geliebten ihre gemeinsame Tochter zu suchen. Das Einzige, was er von seiner Tochter bisher gesehen hat, ist ein Foto.
Kien An (Ngoc Hiep Nguyen) ist auf der Suche nach Arbeit vom Land in die Stadt gezogen. Ihr Job ist es, in einem in der Nähe der Stadt gelegenen Teich Lotusblumen zu pflücken und sie danach in der Stadt zu verkaufen. Nicht einfach, wie sich herausstellt. Besser als die Originale verkaufen sich parfümierte Lotusblumen aus Plastik, die von der Konkurrenz angeboten werden. Doch Kien An besitzt ein anderes Talent. Ihr Singen erweckt die Neugier des am Lotusblumenteich wohnenden Arbeitgebers, einem Poeten. Sie freunden sich an. Für den an Lepra erkrankten Mann kann Kien An nun Schreibarbeiten erledigen. Woody, ein kleiner Junge, betätigt sich als Strassenverkäufer, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Als sein Bauchladen gestohlen wird, lässt er nicht locker und macht sich daran, sich ihn zurückzuholen.
Die Geschichte um den Cyclofahrer Hai (Duong Don) interessiert uns an dieser Stelle besonders. Er verliebt sich in eine Kundin, die etwas hochnäsige Prostituierte Lan (Diep Bui), die von einem besseren Leben träumt. Hai steigt ihr nach. Mit seinem Velotaxi ist er immer zur Stelle, wenn Lan sich auf den Heimweg machen will. Mit jeder Fahrt lernen sich die zwei besser kennen. Hai erkundigt sich schliesslich scheu, was sie denn für «eine Nacht nehme». Fünfzig Dollar, antwortet sie. Als Velotaxifahrer verdient er zu wenig. Die Versuchung muss noch etwas warten. Es winkt aber eine schöne Siegesprämie, die bei einem Cyclo-Radrennen ausgeschrieben wird. Hai wird daran teilnehmen.
Erwähnt seien auch die einprägsamen Aufnahmen der Kamerafrau Lisa Rinzler. Ihr sind wunderschöne Bilder gelungen. Wie die Szene, die auf dem DVD-Cover abgebildet wurde: Rote Blüten fallen zu Boden, mittendrin die schöne Lan, die vietnamesische «Pretty Woman».
«Three Seasons»
USA/Vietnam, 1998
Regie: Tony Bui
Kamera: Lisa Rinzler
Schauspieler: Ngoc Hiep Nguyen (Kien An), Duong Don (Hai), Diep Bui (Lan), Huu Duoc Nguyen (Woody), Harvey Keitel (James Hager)







