Lunatisches Radeln

Auf langen Velofahrten gehen einem bekanntlich die verschiedensten Gedanken durch den Kopf. Heute aber erliegt der Kolumnist dem Reiz der Arithmetik.

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Dres Balmer
02.02.2018

Auf Menschen ohne mathematisches Talent können Zahlen eine ungemeine Faszination ausüben. Mehr noch: Je weniger der Mensch Zahlen versteht, desto mehr ziehen sie ihn in den Bann. Und siehe da: Beim Radeln übers Land wandelt sich das Velo zum patenten Denkspielzeug für rechnerische Kapriolen.
Betrachten wir die Radentfaltung, also die Strecke, die das Fahrrad mit einer Pedalumdrehung zurücklegt. In flachem Gelände mit einem mittleren Gang beträgt die Entfaltung fünf Meter, und schon beginnt kindliches Rechnen. Mit zwei Umdrehungen macht der Zyklist zehn, mit zwanzig hundert Meter, kurbelt er zweihundert Mal, fährt er einen Kilometer. Geht es aber eine Passstrasse bergauf, verdoppelt sich dank kleinerem Gang die Kurbelzahl, braucht es für einen Kilometer also vierhundert Kurbelumdrehungen. Da kommt ein weiteres numerisches Element dazu, und zwar die Anzahl der Pedalumdrehungen pro Minute. Diese sollte nicht unter achtzig sinken, sonst gibt es ein unschönes Gewürge.
Zurück zu den Distanzen, zur Fünf-Meter-Entfaltung. Fährt jemand die hundert Kilometer von Bern über Freiburg und Bulle nach Lausanne, wirbelt er zwanzigtausend Mal die Beine. Nimmt er die tausendzweihundert Kilometer von Bern nach Wien unter die Räder, drückt und zieht er eine Viertelmillion Tretlagerrunden.
Ui, ui, jetzt kommt der Velomensch in doppeltes Schwitzen, erstens vom Radeln und zweitens vom Rechnen. Erfüllt er das schlichte Plansoll von zwölftausend Jahreskilometern, kurbeln seine Schenkel, die oberen und die unteren, zwei Millionen und vierhunderttausend Mal. In der Praxis sind es im Jahr aber eher sechzehntausend Kilometer, die ergeben drei Millionen und zweihunderttausend Umdrehungen und verbrauchen am Velo zwei bis drei Ketten. Und was ist mit dem menschlichen Knochen- und Muskelgestell? Sechs Gelenke, je zwei in Füssen, Knien und Hüften, überstehen im Jahr und bei guter Gesundheit mehr als drei Millionen Umdrehungen schadlos. Schluck, schluck, da könnte man fromm werden.
Vorhin hat der Unterwegene geschwitzt, jetzt aber kommt er ins Träumen, verfällt in Masslosigkeit, und die geht so: Schüfe er zwanzigtausend Kilometer im Jahr, hätte er in zwei Jahren eine Erdumfahrung vollendet, doch dann wären die zwei Jahre schon vorbei, und eine zweite Rundfahrt wäre fad.
Deshalb wird der Zyklist nun lunatisch und wählt verwegen die Strasse zum Mond, dem nächsten natürlichen Satelliten der Erde. Stemmt er die Zwanzigtausender-Jahresleistung weiterhin, bringt er die dreihundertvierundachtzigtausend Kilometer zum Mond in neunzehn Jahren und dreiundsiebzig Tagen hinter sich. Seine Fuss-, Knie- und Hüftgelenke bögen sich fast siebenundsiebzig Millionen Mal. Aber nicht vergessen: Die Trittfrequenz sollte nicht unter achtzig pro Minute sinken. Und zum Mond geht es meistens bergauf.


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