Lieferung in Nullkommanichts

Schneller ist besser: Kurierdiensten, die innerhalb weniger Stunden liefern, gehört die Zukunft. Nicht verwunderlich, dass immer mehr Anbieter auf den Kuriermarkt drängen. Dabei gilt: Eine schnelle Lieferung hat nicht immer ihren Preis.

no-image

Tamara Fritzsche
18.05.2016

Wer früher bestellte Waren innerhalb von wenigen Tagen auslieferte, ist damit heute schon zu langsam. Oder wie das Start-up-Unternehmen Notime in seinem Blog schreibt: «Morgen liefern ist von gestern.» Gemäss eigenen Aussagen liefert die junge Firma ein bestelltes Paket innert weniger Stunden zum Kunden. Essensbestellungen werden in noch kürzerer Zeit abgewickelt. Ofenfrisch sozusagen. Dabei kommt meist das Fahrrad als Lieferfahrzeug zum Einsatz. Denn die ökologische «Same Day Delivery» macht den Kurierdienst attraktiv. Das Velo etabliert sich dabei zunehmend als schnellstes Fahrzeug im urbanen Gebiet und damit als zentrales Transportmittel der Lieferdienste.

Der Kurier als Plattform
Notime ist neben anderen Unternehmen ein starker Konkurrent im aufblühenden Markt der Kurierfirmen. Das Zürcher Start-up sieht sich allerdings nicht als solche. Man sei vielmehr eine Technologieplattform, lässt das Unternehmen verlauten. Das Herzstück ist ein System, das die Lieferungen und die Fahrer koordiniert. Auch als Konkurrenz sieht sich das Start-up-Unternehmen nicht: «Wir wollen mit anderen Velokurieren zusammenarbeiten, um einen möglichst effizienten Dienst anbieten zu können», so Philipp Antoni, Co-Entwickler von Notime. Am Anfang plante das Unternehmen gar, Aufträge an andere Kurierdienste zu erteilen. Schliesslich waren dann aber die Vorstellungen zu unterschiedlich, und man entschied sich, einen eigenen Dienst aufzubauen, der deutlich weniger Geld für eine Lieferung verlangt als die etablierten Firmen. Auch beim Personal geht der neue Dienstleiter einen eigenen Weg. Bei Notime könne jede und jeder als Kurier mitarbeiten. Das seien hauptsächlich Studierende, die seien flexibel, sagt Antoni. Für ihn ist es wichtig, dass die Fahrer fair entlohnt werden: «Die Kuriere darf man nicht ausnutzen. Ich bin kein Fan von Dumpinglöhnen.» Solche bezahle man deshalb auch nicht, das Unternehmen sei gut finanziert. Das Personal müsse sich nicht mit dem Unternehmen verheiraten, heisst es ausserdem in einem Firmenvideo. Einen Arbeitsvertrag gebe es zwar, es komme aber darauf an, wie viel der Kurier arbeite. Konkret: Wer nur wenig arbeitet, muss sich selbst um Unfallversicherung und Altersvorsorge kümmern.
Der Kurierdienst Veloblitz kritisiert die Anstellungsbedingungen von Notime: «Mindestlöhne, gute Sozialleistungen und Mitwirkungsrecht sind ein absolutes Muss für Kuriere, die den Risiken des Strassenverkehrs ausgesetzt sind», findet Benjamin Krähenmann von Veloblitz. Das Kurierunternehmen sieht sich aber nicht bedrängt: «Unser Personalbestand ist in den letzten Jahren sehr stabil. Wir haben keinen Grund zur Annahme, dass Mitarbeitende zu Notime wechseln», so Krähenmann. Die Luft sei dünn für die Konkurrenz, da das Stadtgebiet und die Agglomeration in Zürich von Veloblitz abgedeckt würden, erklärt er weiter. Aus­serdem sei die Branche der Kuriersendungen längst unter Beobachtung der unabhängigen Regulationsbehörde Postcom und verfüge demnächst über einen Gesamtarbeitsvertrag. «Dieser Vertrag wird auch für Firmen wie Notime gelten müssen», stellt Krähenmann klar.

Unterwegs in dünner Luft
Einen eigentlichen Gesamtarbeitsvertrag werde es nicht geben, kontert Andreas Herren von Postcom. Die Re­gula-tionsbehörde lege lediglich die Mindeststandards fest. Zurzeit laufe eine unabhängige Studie, welche die branchenüblichen Arbeitsbedingungen evaluiere, weiss Herren. Die Resultate werden 2017 erwartet. Welche Mindeststandards danach festgehalten werden, sei noch nicht klar. Aber Altersvorsorge und Unfallversicherungen gehen über Mindeststandards hinaus. Sie gehörten eher in einen Gesamtarbeitsvertrag, erläutert Herren. Einen GAV müssten Unternehmen und Personalverbände miteinander aushandeln.
Wenn die Mindeststandards erlassen werden, würden diese auch für ein Technologieunternehmen wie Notime gelten. Ausschlaggebend sei, ob ein Unternehmen Umsatzerlöse in eigenem Namen mit Postdiensten erziele oder nicht.
Dass Postcom neue Lieferdienste an die kurze Leine nimmt, scheint unwahrscheinlich. Wenn noch mehr Anbieter mit sehr tiefen Preisen um die Gunst der Kunden buhlen, wird die Luft für die Velokuriere aber bald recht dünn.

Empfohlene Artikel