Liebe auf den zweiten Blick

«Angèle et Tony» ist der erste lange Spielfilm der Regisseurin Alix Delaporte. Die Filmemacherin zeigt unaufdringlich und ohne Knalleffekte, wie zwei Menschen zueinander finden.

Bruno Angeli, Autor (info@bruno-angeli.ch)
Film, 20.07.2011

Die Geschichte habe Gestalt angenommen, als sie sich vorgestellt habe, wie sich Angèle in einen Fischer verliebt. So schildert es die Regisseurin Alix Delaporte in einem Interview: «Das hat mit meiner Kindheit zu tun. Meine Mutter und meine Grossmutter stammen aus der Normandie, nicht weit von Port-en-Bessin, wo der Film spielt. Ich habe dort alle meine Ferien verbracht. Die Fischer waren für mich immer Charaktere wie aus einem Roman. Menschen, die sich die meiste Zeit auf dem Meer aufhalten, abgeschnitten von einer bestimmten Wirklichkeit, aber fähig, der Politik Angst einzujagen, wenn man sie reizt.»

Angèle, gespielt von der attraktiven Clotilde Hesme, kommt aus dem Gefängnis. Warum sie in Haft war, erfährt man im Film nicht. Angedeutet wird einzig, dass es sich um ein Beziehungsdelikt gehandelt haben könnte. Ihr Kind Yohan lebt seit der Tat bei den Schwiegereltern in einem Küstenort in der Normandie. Angèle möchte den Jungen so schnell wie möglich zu sich holen. Doch die Behörden haben hier ein Wörtchen mitzureden. Die Mutter muss nachweisen können, dass sie wieder auf eigenen Beinen stehen kann. Dazu benötigt sie eine Arbeit, eine Bleibe und einen Ehemann. Ausserdem fehlt ihr ein Fortbewegungsmittel. Kurzerhand klaut sie ein Velo.

Einen Mann zu bekommen, erweist sich als schwieriger. Dazu gibt Angèle eine Kontaktanzeige auf. Es kommt zu einem Treffen mit Tony (Grégory Gadebois), einem korpulenten und wortkargen Mann, der seinen Lebensunterhalt als Fischer verdient. Angèle hat keine Mühe damit, sich einem Mann an den Hals zu werfen und Sex einzusetzen, wenn sie sich damit einen Vorteil verschaffen kann. Es scheint ihr auch bei Tony nicht schwerzufallen. Doch Tony widersteht ihren eindeutigen Annäherungsversuchen – zunächst. Der Schauspieler Grégory Gadebois über seine Filmfigur: «Als er (Tony) auf sie trifft, beginnt er, sich langsam zu verändern. Auf Anhieb fühlt er sich zu ihr hingezogen, aber er versteckt seine Gefühle hinter seinem Stolz und seiner Angst, abgewiesen zu werden. Ich weiss nicht, zu welchem Zeitpunkt er sich wirklich in sie verliebt; er wird sich dessen erst nachträglich bewusst – als er schon in sie verliebt ist.»

Das Velo als «Erregungsmesser»

Angèle schafft es, im Elternhaus von Tony unterzukommen und bekommt auch eine Anstellung als Hilfskraft. Tonys Mutter, deren Ehemann vor Kurzem im Meer ertrunken ist, findet allmählich Gefallen an der neuen Mitbewohnerin. Sie nimmt Angèle unter ihre Fittiche. Angèle lernt, sich Zeit zu nehmen und dem Leben seinen Lauf zu lassen, so wie es die Menschen an diesem Küstenort seit je machen. Auch die Beziehung zwischen Angèle und ihrem Kind verbessert sich nach und nach. In einer schönen Veloszene sehen wir, wie die erste Umarmung zwischen ihr und Yohan zustande kommt. Dies ist nur ein Beispiel, wie die Regisseurin es geschickt versteht, mittels der pedalierenden Hauptfigur deren Gemütslage auf der Leinwand abzubilden.

Hauptdarstellerin Clotilde Hesme sagt über ihre Arbeit, dass sie sich bei einem Dreh jeweils wie eine Soldatin fühle. Sie kämpfe sich konstant vorwärts. «Man sollte sich, wie in den Fahrradszenen, die auch sinnbildlich das Strampeln, den Kampf darstellen, komplett verausgaben.» Clotilde Hesme wurde denn auch gefordert. «Nach ‹Angèle et Tony› war ich von Angèles Figur komplett ausge­laugt. Ich behielt eine Zeit lang die ruckartigen Bewegungen, die Nervosität von Angèle. Es ist meine erste Charakterdarstellung gewesen.»

«Angèle et Tony», Frankreich 2010

Regie und Drehbuch: Alix Delaporte
Schauspieler: Clotilde Hesme (Angèle), Grégory Gadebois (Tony), Evelyne Didi (Myriam), Jérôme Huguet (Ryan), Antoine Couleau (Yohan), Patrick Descamps (Grossvater), Patrick Ligardes (Sozialarbeiter), Lola Dueñas (Anabel)
Kamera: Claire Mathon
Ausstattung: Helene Ustaze

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