Länger, kälter, härter

Mit dem Tortour Cyclocross wird 2016 die nächste Herausforderung für Velofahrer lanciert. Sie wird Zuspruch finden – so viel ist nach dem Testlauf schon mal klar.

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Emil Bischofberger
Sport, 02.02.2015

Spätestens nach einer Stunde Fahrzeit spürt es auch der Letzte: Das unangenehme Gefühl, wenn sich beim Velofahren das Wasser einen Weg durch jene Schichten gebahnt hat, die es eigentlich abhalten sollten, und auf die noch warme Haut trifft. Am Morgen hatten die meis­ten noch halb scherzend, halb zweckoptimistisch geglaubt, sie hätten Glück im Unglück gehabt mit dem Wetter. Schlecht waren die Prognosen gewesen, präziser: ganz schlecht. Schnee, Regen, Temperaturen knapp um den Gefrierpunkt. Was grundsätzlich kein Problem gewesen wäre, es war ja Wochenende. Ausser man hatte sich vorgenommen, zu den Pionieren zu gehören, die als Testfahrer das erste Tortour Cyclocross absolvieren würden. Drei Tage Radquer, ein Prolog am Freitag, dann zwei Etappen à 100 Kilometer. Die erste wie erwähnt: im Dauerschiff. Oder eben Dauerschneeregen.

Ausdauer ist gefragt
Etwas Verrücktes tun. Die eigene Komfortzone verlassen. Viele Hobbysportler haben solche Gedanken im Kopf, bevor sie sich zu einem Rennen anmelden. Die einen entscheiden sich dann vielleicht für einen Marathon oder für eine grosse Pässefahrt. Die anderen, denen solcherlei zu wenig weit geht, machen früher oder später Bekanntschaft mit Leuten wie Joko Vogel. Der gehörte 2007 zu den Gründern der Tortour, dem Nonstop-Radrennen, das in 1000 Kilometern und ohne Pause die Schweiz umrundet. Vergangenen Herbst folgte der nächste Wurf mit der Swiss Epic, dem einwöchigen Bikerennen im Wallis, das hierzulande alle Massstäbe für derartige Rennen übertraf. Zu dem Zeitpunkt arbeitete Vogel am nächsten innovativen Radrennformat. Er fand seine Nische im Radquer. Hierzulande dauern diese Rennen kaum länger als eine Stunde, so anspruchsvoll sind die Strecken angelegt. Doch es geht auch anders, getreu der Devise von Vogels bisherigen Rennen: länger und härter. In den USA haben sich in den vergangenen Jahren sogenannte Gravel Races etabliert, Ausdauerrennen auf unbefestigten Schotterstrassen. Sie standen beim Tortour Cyclocross Pate, nun allerdings über mehrere Tage und kombiniert mit den landschaftlichen Besonderheiten der Schweiz.

Selbst wenn ein Rennen weitab der Berge angelegt ist, wie das Tortour Cyclocross im idyllischen Zürcher Weinland, verläuft die Strecke nur selten flach. Weshalb an diesem Januarsamstag nach knapp zwei Stunden gerade mal ein Viertel der Strecke oder 25 Kilometer zurückgelegt sind. Bei der ersten Verpflegung trinken einige bibbernd eine Bouillon, doch die Stimmung unter den rund 40 Fahrern ist gut, sehr gut sogar. Jeder weiss, dass er gerade Teil einer Ausfahrt ist, an die er sich sein Leben lang erinnern wird, von der er an Winterabenden vor dem Kamin stolz erzählen wird. Und schliesslich ist auch nicht alles schlecht, so masochistisch sind dann doch die wenigsten veranlagt. Klar gibt es solche Passagen, etwa wenn das eisige Wasser in die Handschuhe und Schuhe spritzt, sodass das Gefühl langsam aus den äussersten Gliedern weicht. Aber dann folgt ein Abschnitt im Wald, eine Abfahrt über kleine Wege, wo das Radfahren 1000-mal mehr Spass macht als auf einer x-beliebigen Strasse und bei normalen Verhältnissen. Sogleich kehrt die Euphorie zurück, die Erinnerung an den Pioniergeist. Nach der Mittagsrast an der Wärme braucht es dann schon etwas Überwindung, doch irgendwie muss man ins Ziel gelangen, wo das warme Hotelzimmer lockt. Bartträger werden nun, je länger der Tag dauert, desto mehr beneidet – sie frieren zumindest im Gesicht nicht.

Perfekter Start des Testlaufs
Klar war dieser Winter bis jetzt mild wie selten. Bei solchen Verhältnissen wäre dieses Cyclocross eher eine genuss- als eine leidensreiche Ausfahrt geworden. Aber letztlich hatte es so kommen müssen. Alles andere hätte irgendwie nicht gepasst zu den Veranstaltern, die ihre bisherigen Rennen mit «Tortur» und «episch» apostrophiert hatten. Das «Tortour Cyclocross» ist ziemlich genau die Schnittmenge der beiden Begriffe. Organisator Vogel gibt gar zu: «Ich habe auf solches Wetter gehofft. Weil das besonders attraktive Bilder gibt – und um den Extremfall zu proben. Zu sehen, was dann möglich ist.» Ob das auch unter Renn- statt Testbedingungen ein Publikum finden wird? «Wenn ich die Feedbacks höre, müssen wir das Rennen 2016 lancieren», sagt Vogel, dem das Lächeln das ganze Wochenende nie aus dem Gesicht gewichen ist. «Denn genau so ein Erlebnis wollen wir vermitteln: eines, das hängenbleibt.»

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