Früher, in jüngeren Jahren, war die Aufgabe für Magen und Darm noch etwas anspruchsvoller. Da kam die Frage «Und, was nehmen wir als primo piatto?» noch etwas später, nämlich erst nach dem achten in der langen Serie von zauberhaften Antipasti. Seit im Agriturismo La Costa in Torre Bormida nicht mehr Vincenzos Mutter kocht, sondern seine Frau Marisa, sind die Vorspeisenhäppchen zwar noch besser geworden, doch deren Zahl hat sich reduziert. Jetzt kommt die Vincenzo-Frage schon nach dem vierten Meisterwerk der Vorspeisenkunst. Doch auch jetzt reicht die Magen-Darm-Kapazität nur noch für ein Entweder-oder: Pasta oder Risotto zum Hauptgang.
Was das Gümmelerherz begehrt
Zum Glück ist das Velogebiet in der Alta Langa am Rand der Piemonteser Weinberge rund um Alba so verlockend, dass das Verdikt der Waage nach der Heimkehr nicht allzu verheerend ausfällt. Mit mehr als einem oder zwei Kilos über Par bin ich von dort noch nie zurückgekommen. Das Gebiet hat alles, was das Gümmelerherz begehrt: Täler, um gnadenlos zu blochen, lange Hügelzüge mit sanften Aufstiegen über den Rücken, Strässchen, die sich durch die Weinberge zwischen Barolo und Barbaresco schlängeln. Hier, im touristischsten Teil des Piemonts, genügt ein Gedanke an die Flasche, die am Abend auf dem Tisch stehen könnte, um die Aufstiege leicht zu machen. Nur Fliegen ist schöner, besonders im Herbst, wenn die Trüffelhunde im Boden wühlen.
Mit Radsporthelden über Pässe
Weil die Hügelzüge steile Flanken haben, kommen auch die Hardcore-Bergziegen auf ihre Rechnung. Ihnen sei der Klassiker der Gegend empfohlen: Le Salite dei Campioni. In Zahlen ausgedrückt sind das: sechs zu Beginn stets im zweistelligen Prozentbereich liegende steile Aufstiege, die zwischen 261 und 361 Meter Höhe überwinden, 121,2 Kilometer, 2612 Höhenmeter (wenn man sich nicht verfährt). Die Strecke ist ausgeschildert, und jede Steigung wird mit einer Tafel eingeleitet, die an einen der «Campioni» erinnert. Der Reihe nach sind es: Jacques Anquetil, Fausto Coppi, Marco Pantani, Charly Gaul, Gino Bartali und Louison Bobet. Keiner dieser einstigen Radsporthelden lebt noch. Und für uns gilt: Fluchen mag helfen, sich beschweren bringt nichts.
Für weiterführende Informationen zur Region siehe Reisebericht in Velojournal 1/2012.
Martin Born
14.07.2015







